Erklärung der Mehrheit des Rates des NLO
I. Es ist Zeit, neue Ufer anzustreben
Das Netzwerk Linke Opposition hatte in seiner Felsberger Erklärung vom
03.10.2006 die Schaffung einer glaubwürdigen linken Partei auf seine
Fahnen geschrieben und gefordert: Die „wachsenden Zweifell an der
bestehenden Gesellschaftsordnung müssen von einer Linken zum Ausdruck
gebracht und mit einer antikapitalistischen Perspektive beantwortet
werden. Die sozialen Rechte und Errungenschaften der Arbeiterbewegung
und die Forderungen der Linken nach Ausbau der sozialen
Sicherungssysteme, Arbeitszeitverkürzung, Mindestlohn etc. können im
Rahmen der kapitalistischen Profitwirtschaft nicht dauerhaft verteidigt
bzw. erreicht werden. Deshalb muss die Linke mit sozialistischen
Perspektiven Alternativen zu den angeblichen "Sachzwängen" aufzeigen.
In diesem Sinne sprechen wir uns entschieden für eine Partei aus, die
betriebliche und gewerkschaftliche Kämpfe und außerparlamentarische Bewegungen als ihren Schwerpunkt betrachtet."
Heute müssen wir selbstkritisch bilanzieren, dass es dem NLO nicht
gelungen ist, den von oben gesteuerten Fusionsprozeß von WASG und
Linkspartei/PDS durch Mobilisierungen im Sinne einer aktiven Teilnahme
der Basis nennenswert zu beeinflussen. „Die Linke" ist fest in der Hand
von reformistischen Kräften, die darauf setzen, den Kapitalismus durch
die Übernahme von Regierungsverantwortung, sprich durch die Führung der
Geschäfte des Gesamtkapitals, sozial zu gestalten. Angesichts der
deutlich stagnativen Grundtendenz der modernen kapitalistischen
Ökonomie und den systematischen Versuchen des Kapitals, die Klasse der
Lohnabhängigen von jedem sozialen Fortschritt weitestgehend
auszuschließen, halten wir diesen Versuch für illusorisch.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte - nicht zuletzt
seitens der SPD, Der Grünen und der Linkspartei/PDS und jetzt der neuen
Partei „Die Linke" in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern beweisen, daß
plakativ vor sich hergetragene soziale Ansprüche in der Praxis
kapitalistischer Regierungspolitik bei ystematischem Sozialabbau im
Namen des jeweils kleineren Übels enden. In Berlin und
Mecklenburg-Vorpommern ist „linke" Regierungspolitik gleichbedeutend
mit der Privatisierung öffentlichen Eigentums, massivem Sozialabbau,
der Absenkung tariflicher Standards und mit gewerkschaftsfeindlicher
Politik. In anderen Ländern erklärt diese „Linke", daß sie diesen
Vorbildern nachstrebt.
Das
wird trotz aller gegenteiligen Beteuerungen auf Bundesebene nicht
anders sein. Ein anderer Kurs wäre nur möglich mit einer neuen
politischen Kraft, die an der Spitze von Massenbewegungen die
gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse tiefgreifend umwälzt. Eine
Partei, die wie die „Die Linke" fest in der Hand ihres Apparats ist und
von diesem Apparat von oben dirigiert wird, kann nicht in eine solche
Kraft verwandelt werden. Es gilt daher, eine neue „politische Kraft als
Alternative aufbauen. Schon heute gibt es da, wo die Linkspartei.PDS
"mitregiert" Platz für eine Partei links von ihr" hieß es in der
Felsberger Erklärung. Trotz der Tatsache, daß die von den Apparaten der
Linkspartei und der WASG gesteuerte Fusion zu verbreiteter
Demoralisierung und zum Rückzug vieler linker Kräfte geführt hat,
bleibt diese Diagnose und Aufgabenbestimmung richtig.
II. Orientierungskrise des Netzwerks Linke Opposition
Der sehr moderate Zustrom neuer Kräfte ins NLO hat das NLO jedoch
zunächst ebenfalls in eine Krise gestürzt. Es fanden sich in der WASG
zu wenig Kräfte, die bereit waren, die Erfahrungen mit der WASG
selbstkritisch zu bilanzieren und einen Neubeginn zu wagen. Dazu hat
nicht zuletzt beigetragen, daß das NLO sich nicht ausreichend
entschlossen zeigte, die sich aufdrängenden Schlußfolgerungen aus
seiner Analyse zu ziehen, daß niemand eine Partei wie „Die Linke"
braucht und daß es zu dieser alternative Perspektiven gibt (Erklärung
des Koordinierungskreises des NLO vom 12.12.2006). In einer Zeit, in
der der Kapitalismus sich so sehr diskreditiert, daß selbst die SPD
gezwungen ist, ihre aggressive kapitalistische Politik mit dem Etikett
„demokratischer Sozialismus" zu bemänteln, in der Lafontaine das Recht
auf einen Generalstreik und für „Die Linke" eine angeblich
systemüberwindende Perspektive reklamiert, kann eine glaubwürdige
Alternative nur im Aufbau einer neuen, tatkräftigen sozialistischen
Partei bestehen, die von Anfang an die Doppelzüngigkeit und
Glaubwürdigkeitsdefizite der „Linken" transparent macht und sich als
Alternative präsentiert.
Die für notwendig erachtete Debatte um diese neue Perspektive kam nicht
einmal im NLO voran. Einige Mitglieder des Rates des NLO um
EdithBarthelmus-Scholich und Joga Twickel begannen immer wieder,
Debatten um
„terminologische Fragen" zu führen: Einerseits wurde betont, alle
würden ja dasselbe wollen, andererseits hieß es, die Menschen dürften
nicht durch marxistische Termini und durch ein zu radikales Vokabular
verschreckt werden. Das NLO dürfe sich nicht offen zu einer
sozialistischen Zielsetzung bekennen, weil dies angeblich nicht
verstanden würde.
Eigene, alternative Perspektiven wurden von diesen Kräften dem NLO
nicht vorgelegt. Faktisch wurde von ihnen eine Rückorientierung auf das
reformistische Lager und dessen utopische Vision einer sozialeren
Variante kapitalistischer Politik betrieben. Bei der Mobilisierung
gegen den Afghanistankrieg widersetzen sich diese Kräfte einem
unabhängigen Auftreten des NLO und forderten, sich den selbsternannten
Repräsentanten der Friedensbewegung des Kasseler Ratschlags politisch
unterzuordnen. In Bezug auf die Europäische Union wurde dem NLO
empfohlen, die illusionäre Perspektive einer Reform der Europäischen
Union von unten zu einem Arbeitsschwerpunkt zu machen.
Zugleich wurden immer wieder zeitraubende Debatten um
organisatorische und formale Fragen angezettelt, vorzugsweise mit dem
Ziel, im Namen
angeblicher basisdemokratischer Grundsätze dem Koordinierungsrat des
NLO die Kompetenz zu politischen Initiativen abzusprechen. Eine Ironie
der Geschichte ist dabei, daß dieselben Kräfte, die schon
Mehrheitsbeschlüsse der Linken im NLO für ungeheure Verstöße gegen die
Freiheit von Minderheiten hielten, z.B. anläßlich des G8-Gipfels keine
Probleme damit hatten, ihre Minderheitsposition als die des NLO
auszugeben. Edith Barthelmus-Scholich nahm dann für sich in Anspruch,
aus eigener Machtvollkommenheit Ratsmandate örtlicher NLO-Gruppen
überprüfen zu wollen und griff ein Berliner Ratsmitglied in
beleidigender
und unsolidarischer Weise an, das darauf beharrte, falsche Behauptungen
aufzuklären. Der Rückgriff auf persönliche Angriffe anstelle einer
offen geführten Kontroverse sollte fortan zum
Markenzeichen dieser Kräfte werden.
Es ist bezeichnend, daß Edith Barthelmus-Scholich im gleichen Zeitraum
versuchte, die Redaktion des dem NLO nahestehenden Internet-Portals
„Linke Zeitung" zu usurpieren und ihm eine Linie völliger inhaltlicher
Beliebigkeit und Konturlosigkeit zu geben. Als sich dessen
Redaktionsmehrheit zur Wehr setzte, entwendete sie den Adreßverteiler
der „Linken Zeitung", schuf sich gestützt darauf mit einer eigenen
Website ein neues Forum der Selbstdarstellung. Sie und ihre Mistreiter
behaupten, eine offen sozialistische Orientierung und auf dieser Basis
betriebene konkurrierende Mitarbeit in Bündnissen und politischen
Bewegungen sei sektiererisch und widerspreche einem linken Pluralismus.
Es gelte, auch Nichtsozialisten, die sich auf dem Weg nach links
befänden, mit ins Boot zu holen. Auf diese Weise wird das
Pluralismuskonzept der Klaus Ernst & Co. wiederbelebt, das mit der
WASG
grandios gescheitert ist und das mangels Bündnispartnern nicht einmal
mehr den Anschein einer Chance mehr hat - sofern man Joga Twickel nicht
zum ideellen Gesamt-Nichtkapitalisten erklärt. Toleranz, Offenheit für
die Argumente anderer Strömungen und offener Meinungsstreit haben
jedoch nichts mit einem Pluralismusbegriff zu tun, der unabhängig von
Inhalten vorgibt, alle Meinungen und Auffassungen seien gleichwertig
und dessen Protagonisten sich im Konfliktfall mit administrativen
Mitteln über demokratisch gefasste Mehrheitsentscheidungen
hinwegsetzen. Wer seine eigenen Überzeugungen nicht offen vertritt,
sollte sich aus dem politischen Leben heraushalten.
III. Es reicht
Wir, die Mehrheit der Mitglieder des Rates des NLO, sind nicht
mehr bereit, uns auf diese Spielchen einzulassen. Wir sind auch nicht
bereit, immer wieder unsolidarische Verhaltensweisen zu erdulden. Wir
sehen deshalb keinen Sinn darin, mit Edith-Barthelmus-Scholich, Joga
Twickel und anderen Kräften im Rahmen des NLO zusammenzuarbeiten, die
eine offene sozialistische Politik nur noch als störendes Sektierertum
und als Hindernis für das von ihnen angestrebte Bündnis zwischen
Sozialisten, die ihre Ziele verstecken, mit nichtsozialistischen
Kräften ansehen oder die an der Reformierung der „Linken" arbeiten.
Wir
betrachten daher diejenigen, die die „website „www.scharf-links.de"
unterstützen und mit ihr zusammenarbeiten nicht mehr als Teil des
Netzwerks Linke Opposition.
Auch, wenn zwischen uns noch viele
inhaltliche Fragen offen sind, die in einer Debatte geklärt werden
müssen, streben wir nach wie vor die Schaffung einer zur Partei „Die
Linke" alternativen sozialistischen Kraft an. Mit einem Bündnis, das es
nicht einmal wagt, sich offen zu seiner sozialistischen Zielsetzung zu
bekennen, ist das nicht möglich.
Diejenigen, die eine offene Debatte sozialistischer und
kommunistischer Kräfte für nötig halten, laden wir ein, sich am
Netzwerk LinkeOpposition zu beteiligen.
Die Delegierten des Rates:
Rainer Bodenschatz (Hamburg),
Francis Byrne (NRW - Köln),
Dieter Elken (Brandenburg),
Lucien Jaros (Berlin),
Martin Mitterhauser (Berlin),
Detlef Mühling (Nordhessen),
Mario Sperling (Berlin),
Augusto Yankovic (Baden-Württemberg)
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