| Offener Brief von Ennio Modotti (Gruppe Arbeitermacht) an alle NLOler / Innen (Teil 1) |
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| 21.10.2007 | |
Zum Zweck meines Briefes
Mein Brief bezieht sich auf die Stellungnahme von Edith Bartelmus - Scholich zu den Beiträgen von Peter Lenz und Martin Mitterhauser (Mitgliedern der Gruppe Arbeitermacht) über die politische Grundorientierung des NLO vom 31. Juli 2007 unter dem Titel „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein dutzend Programme." Er ist leider extrem überlang geworden, weil ich mehr thematische Punkte als ursprünglich angedacht anreisse und sie ausführlicher las eigentlich vorab beabsichtigt abhandelte. Für die strapaziöse Überlänge möchte ich mich bei allen LeserInnen nachdrücklich entschuldigen. Mein Brief richtet sich in Form allgemein -grundsätzlich gehaltener Bemerkungen gegen ihr darin angerissenes Verständnis der Rolle von Spontaneität bei der Herausbildung systemoppositionellen bzw. revolutionären Bewußtseins. Ich wendem mich aber nur gegen die nachdrückliche, konsequnete Betonung der Rolle von Spontaneität bei der Entstehung systemoppositioneller Haltungen und deren Vereinseitigung als Hauptfaktor der Bewußtseinsveränderung und die These ihrer Vorangigkeit gegenüber dem Stellnwert agitatorisch -propgandistischer, mobilisierender und organisierender Gewerkschafts - und Parteiarbeit. Selbstverständlich räume auch ich der Rolle von Spontaneität bei der Politisierung einen hohen Stellenwert ein. Ich unterstütze dabei als GAMler nachdrücklich die in Peter Lenz´ und Martin Mitterhausers Beiträgen vertretenen Grundpositionen gegen Edith Bartelmus - Scholichs in ihrem Artikel formulierter Kritik an ihnen, wobei ich unabhängig davon viele eingebrachte Textbeiträge und Meinungsäusserungen Edith Bartelsmus - Scholichs sehr schätze. Edith Bartelmus - Scholichs polemische Ausspielung der Marginalität der GAM / LFI
Zum ersten möchte ich eingangs einen Punkt kritisieren, der nichts mit der inhaltlichen Kontroverse zwischen Edith Bartelmus - Scholich und den beiden GAM - Vertretern zu tun hat. Bartelmus - Scholich hat in einem Anflug grober Indiskretion zu „Argumentationszwecken" in polemischer Form ihr so nicht zustehende Angaben zur Größe der GAM und der Liga für die Fünfte Internationale gemacht, und damit objektiv dem Verfassungsschutz und politischen Gegnern der LFI zugearbeitet, die so etwas bei systemoppositionellen Gruppen / Organisationen zu deren Schaden und zum Nutzen der Staatspropaganda sowie der gegen Linke in Anschlag gebrachten Sicherheitspolitik meist gern genau herauszufinden bemüht sind. Die Größe der LFI wie jeder anderen linken Organisation geht niemanden außer sie selbst etwas an und sollte nicht von Aussenstehenden in polemisch - „argumentativer" Absicht gegen sie kolportiert werden. Die LFI kann, wenn sie möchte, selbst darüber Auskunft geben. Edith Bartelmus - Scholich hat sich wie eine Schnüfflerin verhalten, die öffentlich Auskunft über ihre Recherchen gibt. In einem argumentativen Zusammenhang, den sie gegen uns aufbaute, sollte der von ihr gegen uns erhobene falsche Vorwurf des Sektierertums mit einer unstatthaften Herumreichung von Angaben zu unserer zum Schaden für die Bevölkerungsmehrheit leider vernachlässigenswerten mikroskopischen Größe ausgeschmückt werden, um uns in diskreditierender Absicht wahrheitswidrig als linkssektiererischen Mikroverein hinzustellen. Damit sollte auch einer entpolemisierten und angemessenen, theoretisch durchdachten Auseinandersetzung der übrigen NLOler mit unseren Beiträgen und programmatischen Eingaben ein Stück weit ausgewichen und durch polemische Abqualifizierung vorgebaut werden, indem versucht wurde, quasi unsere politische Seriosität und Reputation in Mißkredit zu bringen. Eine kleine Entschuldigung für diese rhetorische Indiskretion wäre angebracht. Wenn ich oder andere GAMler Positionen von Edith Bartelmus - Scholich oder der ISL kritisieren und / oder gegen sie polemisieren, würden wir uns nicht dazu herablassen, die mikroskopische Größe und völlige Marginalität der ISL als kleines rhetorisches Gehässigkeitsbonmot ins Konfliktfeld einzuführen. Ich billige Edith Bartelmus - Scholich, deren Artikel ich teilweise sehr schätze, auch die menschliche Größe zu, von solcherlei halbdenunziatorischen Vorführpraktiken abzusehen.
Kurze Klarstellung : Wer ist und was will die GAM ?
Schlimmer ist, daß Edith Bartelmus - Scholich die extreme Kleinheit der LFI, leider symptomatisch für die allermeisten linken Organisationen, faktisch demagogisch ausnutzt, um sie in propagandistischer Absicht unter Anführung falscher Tatsachen zumindest implizit als sektiererische Clique hinzustellen. Fälschlich wird der GAM indirekt sektiererische Selbstisolation unterstellt, wenn sie behauptet, die GAM wäre in keinem Bündnis und keiner Bewegung verankert. Das ist grundfalsch. Die GAM ist eine trotzkistische Gruppe, die auf Basis des oft mißdeuteten und entstellten, tatsächlich aber organisatorische Effektivität, zielgerichtete Funktionalität und freiwillige Selbstverpflichtung harmonisch verbindenden, als Organisationskonzept bislang historisch unübertroffenen demokratischen Zentralismus selbstständig und in Rückkopplung zur LFI ihre Positionen entwickelt. Und selbstverständlich versucht, sie in Bewegungen und Bündnisse einzubringen. Ansonsten könnte sie diese für sich behalten und wäre ein Traditionspflegeverein, ein Studier- und Debattenzirkel, ein kommentierender Propagandaclub, eine linke Infoagentur (wie z.B. Indymedia) oder ein Verlag, aber keine Propaganda - und Parteiaufbaugruppe. Sie könnte sich dann gleich auflösen, denn sie betrachtet sich nicht als Selbstzweck, sondern wie jede wirklich revolutionär - sozialistische Gruppe als organisatorisch - politischen Hebel zur Bekämpfung und Beseitigung der bürgerlichen Klassenherrschaft auf dem dazu einzig gangbaren Weg einer sozialistischen Umwälzung, die sie mit herbeizuführen bemüht ist. Wie andere revolutionär - sozialistische Organisationen auch verfolgt sie dabei eine bestimmte Zielstrategie und arbeitet diese mittels eigener taktischer Vorgehensweisen auf Basis selbstgewählter Arbeits - und Kampfmethoden und Organisationsstrukturen ab. Solange einvernehmlich verhandelte demokratischen Umgangsformen und Bündnisreglements von ihr erkennbar eingehalten werden, ist der Vorwurf sektiererisch - undemokratischen Verhaltens an ihre Adresse verfehlt. Die Mitwirkung an der Schaffung einer revolutionären ArbeiterInnenpartei und revolutionärer Gewerkschaftsfraktionen betrachtet sie in bündnis - und einheitsfrontpolitischer Kooperation mit anderen revolutionären Gruppen / Organisationen als ihre organisatorische Hauptaufgabe. Sie bringt ihre Inhalte auf demokratisch - kooperative Weise in gruppen - und organisationsübergreifenden Aktions - und Bündniszusammenhängen ein, in denen sie bekanntlich auf kritisch - solidarische Art mitwirkt. Die GAM kann und will niemand, keiner anderen Gruppe, keiner Organisation und keinem Bündniszusammenhang und Forum irgendeine Position offen oder verdeckt aufdrängen oder irgendwie unterschieben, weil damit selbstverständlich weder sozialistischer Organisationspraxis noch sozialistischer Bündnispolitik, ch sozialistischer Strategie oder Taktik und erst recht keinem sozialistischen Endziel gedient wäre. Einspannversuche, methodische Tricksereien, bürokratischer Machtpoker, organisatorische Winkelzüge, intrigante Manöver, manipulative Beeinflussungsversuche, Heimlichtuereien, Postenschacher und organisatorische Intransparenzen nützen keiner sozialistischen Organisationspraxis und Methodik sowie darauf gegründeter systemoppositioneller Politik. Wir arbeiten daher gemäß marxistischer Tradition mit offenen Karten und stehen offen zu unseren Positionen, die wir ohne substanzielle Abstriche gegenüber möglichen Mitgliedern, Bündnispartnern und Interessenten zu vertreten versuchen und sind als authentisch - marxistische Gruppe selbstver-ständlich bemüht, mit unseren Aktions -und / oder Bündnispartnern vereinbarte demokratische Umgangsformen und Organisa -tionsstandards einzuhalten.
Das Verhältnis der GAM zur „Liga für die Fünfte Internationale"
Die GAM ist bekanntlich sektionaler Teil der LFI und ihres eigenständigen, demokratisch vollzogenen Theorie -und Programmdiskurses. Als ein einheitliches Ganzes funktioniert die LFI in Gestalt ihrer Sektionen, welche die LFI - Grundprogrammatik in Anpassung der politischen Grundorientierungen an nationale Situationsbesonderheiten in eine sektionale Praxis über - und umsetzen. Das ist bekanntlich die übliche Praxis demokratisch - zentralistisch verfasster politischer Dachverbände und der ihnen angegliederten Sektionen. Dies sollte ohne Probleme nachvollziehbar sein und nicht irritieren, wenn man den Organisationscharakter der GAM und der LFI berücksichtigt. Eine instrumentelle Ausnutzung des NLO liegt nicht vor, weil die GAM die Herkunft ihrer Beiträge als demokratisch - zentralistisch funktionierende Gruppe selbstverständlich nicht verschleiert und die demokratischen Mitwirkungs-reglements des NLO folglich aus eigener organisationstheoretischer Überzeugung und nicht aus taktischem Kalkül befolgt. Wir, die GAM, wollen wie auch andere im NLO mitarbeitende, an ihm beteiligte Gruppen dieses mit aufbauen und unsere eigenen Grundvorstellungen programmatischer, strategischer, taktischer, organisationskonzeptioneller und arbeitsmethodischer Art unter Einhaltung demokratisches Grundregelements einbringen und für sie werben. Mit einer marxistischen Organisation wäre etwas nicht richtig bestellt, wenn sie das nicht vollauf beabsichtigte und konsequent zu tun versuchte. Sie wäre dann nämlich letztlich keine, ja noch nicht einmal eine wirkliche politische Vereinigung.
Zum Verhältnis der GAM zu ihren Mitgliedern
Die GAM ist als demokratisch - zentralistisch verfasste revolutionär - sozialistische Organisation keine lockere Ansammlung von „Meinungsindividualisten" und kein organisierter Diskussionsclub. Sie will kein Forum und keine Plattform für Selbstdarsteller, Egomanen, Profilierer und Letztrechthaber, sondern eine einheitliche, einige Aktivistenorganisation sein. Man ist in ihr weder als Hauptfigur noch als Kulissenschieber, sondern als gleichwertiges, gleichberechtigtes, aktives Mitglied neben anderen auf einer einheitlichen, gemeinsamen theoretisch -programmatischen Basis tätig und als solches sowohl Teil als auch mehr oder weniger verbind-lich repräsentativer und (mindest -) loyaler Vertreter eines Gesamtkollektivs. Auf Basis bestimmter Prinzipien ist man aus letztlich gleichartigen Hauptgründen für gemeinsame Grundanliegen und steht mit bestimmten, dazu anempfohlenen Organisationsformen und Arbeits -und Kampfmethoden dafür ein. Eine politische Gruppe dieser Art muß selbstverständlich immer der wichtigste, engste Bezugs -und Aktionskreis und der naheliegendste, verbindlichste und autoritativste Orientierungs -und Arbeitsrahmen für jedes Mitglied sein, sonst wäre es keins. Sie ist die ureigene Identifikationsgruppe und die eigentliche politische Wahlheimat, der intimste Kreis, zu und in dem man die größten politischen Übereinstimmungen, die größte Schnittmenge zu anderen PolitaktivistInnen hat. Man bringt ihr gegenüber daher natürlich die größte Loyalität auf, sonst wäre man nicht in ihr, sondern woanders oder gar nicht organisiert. Das gehört ja auch zur konsequenten Organisiertheit ihrer Mitglieder und zum organisationskonzeptionellen Grundcharakter einer solchen Gruppe. Als demokratisch - zentralistisch verfaßte Organisation lebt sie vom praktischen Engagement ihrer Mitglieder, die gehalten sind, sich in sie und ihre Außenarbeit loyal einzubringen und an ihrer Meinungs -und Willensbildung initiativ mitzuwirken ; eine Gruppe ist auch immer die Summe des menschlichen, theoretischen und praktischen Potentials und des Aktivitätsgrades ihrer Mitglieder, und jede darüber hinaus gehende Gruppendynamik, die jedoch immer auch mehr als die Summe ihrer Teile ist, basiert darauf und wird durch innerorganisatorische und umfeldbezogene Faktoren bedingt. Es geht also auch immer darum, wie man mit welchen Leuten in welchem größeren Zusammenhang agiert, und die GAM versucht das gemäß ihrer Fähigkeiten aufgrund ihrer selbstentwickelten Organisationsstrukturen, Arbeitsmethoden und strategisch - taktischen Ansätze zu tun, mögen sie Anderen nun gefallen oder nicht. Natürlich vertritt Martin Mitterhauser daher GAM - Positionen im NLO, wie ich das selbstverständlich auch tue. Wenn es nur seine eigenen, nicht aber auch die der GAM wären, gehörte er entweder nicht zu ihr oder einer Tendenz oder Fraktion in ihr an, die es aber derzeit zum Glück nicht gibt. Oder er würde in schizophrener Weise in der GAM eine andere Position als innerhalb des NLO vertreten. Oder die GAM - Position aus taktischen Gründen verheimlichen und eine andere vortäuschen. Martin Mitterhauser ist aber weder schizophren noch lügt oder taktiert er mit zwei Positionen - mit einer für die GAM und einer anderen für den NLO - Gebrauch. Er vertritt nicht in erster Linie sich selbst, weil die GAM kein Individualistenreigen ist, sondern als GAMler die GAM - Position. Und das ist auch gut so.
Das Verhältnis der GAM zu den Kräften in ihrem politischen Umfeld
Wir arbeit (et) en u. a. als Teil des revolutionär - sozialistischen Flügels der Gewerkschaftslinken und der Massenbewegungen gegen den Jugoslawienkrieg 1999, den Afghanistankrieg 2001 und den noch andauernden Irak - Krieg. Wir waren u. a. im Rahmen der Anti - G 8 - Gipfel - Bewegung auch am „Bündnis für eine revolutionäre Perspektive", einem der Hauptzusammenschlüsse des linken Bewegungsflügels rund um die Protestaktivitäten in Rostock und um Heiligendamm, kooperativ beteiligt und haben uns bei unseren Bündnispartnern Achtung und Ansehen verschafft. Als Teil der Gewerkschaftslinken unterstützen wir im Rahmen unserer leider nur extrem begrenzten Möglichkeiten propagandistisch und praktisch - organisatorisch Arbeitskämpfe, machen sie publik, helfen mit, ihnen materielle Reserven zu erschließen, für sie zu werben etc. Wir sind bemüht, uns ein Bild von der Arbeit verbündeter und / oder rivalisierender Gruppen / Organisationen zu machen und kommentieren sie in der Absicht, sie in dem, was sie unserer Meinung nach Richtiges tun, zu bestärken, und bei dem, was uns falsch erscheint, zu korrigieren, sie umzuorientieren. Wie unsere Gesamtaktivität sind uns Zuspruch oder Kritik gegenüber unseren Partnern und / oder „Konkurrenten" kein Selbstzweck. Unsere für radikale Linkszusammenschlüsse nicht ungewöhnliche Mikro - Größe erklärt sich auch aus unserer noch zu geringen Aussen -und Öffentlichkeitsarbeit außerhalb von Aktions - und Protestbündnissen und Gewerkschaftszusammenhängen sowie durch andere, von uns leider unbeeinflußbare Wirkfaktoren. Regelmäßige Infostandarbeit in Wohngebieten und Präsenzen vor Ort, um sich lokal zu verankern, örtlich einschlägig bekannt und ein regelmäßig auftretender Anlauf - und Ansprechstelle zu werden, findet leider noch nicht statt. Wir sind Leuten außerhalb der radikalen Linken wie andere Gruppen auch leider kein Begriff und nur unserem politischen Umfeld vertraut, bei dem wir allerdings oft auf Anerkennung stoßen, was bereits verdeutlicht, daß wir keine linkssektiererische Gruppe sind. Wirkliches Linkssektierertum und authentisch - trotzkistische Praxis schließen sich grundsätzlich aus. Edith Bartelmus - Scholich sollte das als Mitglied einer sich als trotzkistisch begreifenden Organisation eigentlich wissen.
Was ist Sektierertum ?
Sektierertum macht sich nicht an der konkreten Quantität einer Organisation, ihrem Wachstumstempo und ihrem jeweiligen organisatorisch - politischen Einfluß in politischen Spektren und Zusammenschlüssen fest. Zeitweilige Meinungsführerschaft und eine scheinbare pragmatische Massenorientierung bedeuten nicht unbedingt unsektiererisches Verhalten und sind noch weniger ein Ausweis inhaltlicher Qualität und nachhaltig bleibenden politischen Erfolgs im Sinne einer effektiven, vorwärtsweisenden und zielführenden revolutionär -sozialistischen Politik, einer Heranführung möglichst vieler Menschen an revolutionär - sozialistische Schlußfolgerungen, Ideen und Zielsetzungen. Die jeweilige Größe und Ausdehnung einer Organisation besagt nicht notwendigerweise etwas über die Qualität ihrer Inhalte, den Wahrheitsgehalt ihrer Theorie, die Effektivität ihrer Organisationsform und die Stimmigkeit ihrer Programmatik und Methodik. Sektierertum bedeutet die inhaltlich - programmatische und arbeitsmethodische Unfähigkeit, eine langfristige, perspektivisch zielfüh-rende Handlungsstrategie, eine richtige taktisch - methodische Einzelausgestaltung der politischen „Marschroute", also der Strategie mit ihren taktischen Einzelmanövern vorzuformulieren und richtig zu praktizieren. Entweder hapert es an der Durchführung richtiger taktischer Einzelmanöver, wenn die Strategien denn richtig sind, oder schon an der Bestimmung einer richtigen Strategie, also um die „Langzeitplanung" dessen, was man warum mit wem zur Durchsetzung eigener Fernziele erreichen will. Sektierertum verhilft den Adressaten der Organisationspraxis durch ihre falsche inhaltliche Prioritätensetzung und / oder durch ihre falsche taktische Abarbeitung einer abstrakt richtigen Theorie oder (zumindest) die falsche organisatorische Umsetzung richtiger taktischer Ansätze nicht zur Annäherung dieser Adressaten an die eigene Organisation. Und es versperrt umgekehrt der eigenen Organisation den Zugang zu ihren aktuellen oder potentiellen Adressaten. Es blockiert einer Organisation in nahezu systematischer Weise methodisch den Weg zu ihren potentiellen Interessenten und erschwert ihr, sie an ihre Interessen, Inhalte und Anliegen heranzuführen. Es verstetigt und verstärkt bestehende Fremdheiten und Distanzen von „Außenstehenden" einer solchen Gruppe gegenüber und führt zur Selbstabschneidung von Bündnissen und Bewegungen. Sektierertum hängt nicht in erster Linie von der Größe einer Gruppe oder Organisation und auch nicht von ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen inhaltlichen und / oder methodischen Radikalität ab, wobei gerade ihre Größe oder Marginalität nicht nur ihrem eigenen Tun und Lassen geschuldet ist, so energisch, methodisch und stilistisch gekonnt sie sich auch für ihr Wachstum einsetzen mag - was Edith Bartelmus - Scholich schlicht übergeht. Liegt das kümmerliche Mikrodasein der ISL oder einer beliebigen anderen nicht - sektiererischen linken Kleinstgruppe, u. a. auch das der GAM, etwa an ihrem mangelndem oder zu dilettantischen Engagement ? Sektierertum ist eine falsche Herangehensweise an mögliche Gegner, Interessenten, Partner, Inhalte, politische Fragen und Praxiserfordernisse. Es erschwert Aussenstehenden formal und inhaltlich den Zugang zu eigenen politischen Positionen, deren Öffnung für radikale Politik und behindert die Popularisierung dieser Politik. Es beinhaltet die Annäherung an methodisch und situativ verfehlte programmatische Forderungen, wobei es typisch für Sektierertum ist, daß „theoretisch" oftmals richtige Forderungen zur falschen Zeit, unter inadäquaten Rahmenumständen und / oder gegenüber den falschen Adressaten erhoben und mit den falschen Methoden und /oder Ausdrucks- und Aktionsformen vorgebracht werden, womit sie unter anderen Bedingungen / Propagierungsweisen möglich werdende positive Wirkung verfehlen. Sektierertum geht dabei, die konkrete Rahmensituation und die möglichen politischen Adressaten und Bündnispartner unberücksichtigend, „zu weit" oder in die taktisch gesehen gerade falsche Richtung und / oder verfehlt bereits im Grundansatz, weil nämlich mit geradezu intuitiver Sicherheit die falschen Ansatz -und Einstiegspunkte bei einer bestimmten Einzelfrage gewählt werden, das eigentliche, auf der Tagesordnung stehende politische Thema, für das kein Gespür gezeigt wird. Die jeweilige Ta-gesordnung und Prioritätenfolge, die sich anbietenden richtigen taktischen Ansatzpunkte und Hebelpunkte werden systematisch ver-kannt und verspielt. Es wird dabei systematisch an einer sich gerade stellenden politischen Situation und objektiven Aufgabenstellung und Herausforderung vorbeiagitiert. Wie geht Linkssektierertum praktisch mit Forderungen / Nah - und Fernzielen um ? Es werden situativ unangemessene, sachfremde aktuell - politisch abstrakt -abgehobene, politisch - programmatisch und situationslogisch unvermittelte Themen, Forderungen und Nahziele voluntaristisch lanciert, die Tagesforderungen und Nahziele nicht auf die Fernziele abgestellt, auf sie übergangsmethodisch hin zugespitzt, so daß sie nicht als taktische Übergangsschritte -zu weitergehenden Zielen überleitend, auf sie implizit verweisend- vorgebracht werden. Sie sind beim Sektierertum nicht als taktische Hebel / Zwischenschritte diesen Fernzielen in dem Sinne untergeordnet, daß sie als solche, aus sich heraus, geeignet sind, perspektivisch diese Fernziele aufzuwerfen, auf sie hin zu orientieren, auf sie zuzuführen - denn das wäre ja eine Anwendung der Übergangsmethode : Die perspektivische Unterordnung einer Tagesforderung, eines Nahziels als Zwischen - und Übergangsschritt, als taktisches Manöver, unter eine revolutionäre, übergangsprogrammatisch angelegte Zielstrategie, um sie als Ansatz zur Bewußtmachung und Popularisierung weitergehender Forderungen und Ziele zu handhaben, um sie als Radikalisierungshebel wirksam und für die politischen Endziele ausnutzbar zu machen. Taktische Manöver sind nur dann welche, wenn sie sich innerhalb der Gesamtstrategie als Mobilisierungsmittel für die Erreichung von Nah -und Fernzielen als geeignet erweisen und eine Radikalisierungsdynamik freisetzen können, die über diese Übergangsforderungen selbst hinaustreibt. (Siehe dazu die zwei Schlußabschnitte meines Artikels „Reformismus und revolutionärer Sozialismus" zur Übergangsmethode in der Themensparte „Theorie / Strategie und Taktik" der „Linken Zeitung".) Beim Reformismus entfällt so ein Taktik - und Strategieverständnis und eine entsprechende übergangsmethodische Vorgehensweise : Eine inhaltliche, organisationskonzeptionelle und kampfmethodische Radikalisierung klassenbewußt werdender, selbsttätiger und selbstorganisierter Vorhutschichten der (über 80 % der Gesamtbevölkerung umfassenden) modernen Arbeiterklasse ist nicht vor-gesehen. Eine Anhäufung für sich jeweils relativ kleiner, quantitativ - gradueller Reformschritte, durchgesetzt von einer reformistischen Regierung und Parlamentsmehrheit mittels des bürgerlichen Staatsapparates, eventuell noch flankiert von sich halbwegs kämpferisch gebenden Demos der Anhängerschaft reformistischer Regierungsparteien, soll stückchenweise im Zuge eines langwierigen Reform-prozesses auf gesetzgeberischem Weg den Kapitalismus zum Sozialismus ummodeln. Reformen sollen nicht in erster Linie von prosozialistischen, selbstaktiven Arbeitern mittels eigenständig-unabhängiger Organisations-und Aktionsformen / Kampfmethoden auf Basis eines revolutionär - sozialistischen Programms und einer übergangsmethodisch angelegten Zielstrategie gegen die herrschende Klasse, das ihr angediente Parteiensystem und den bürgerlichen Staatsapparat erkämpft und erst recht nicht gegen die reformistischen Irreführer der Arbeiterbewegung erzwungen werden, welche ihre Arbeiterbasis immer dann, wenn es für sie und ihre Belange darauf ankommt, demobilisieren. Der Reformismus verspricht stattdessen irgendwann an einem Tag X einen qualitativ - substanziellen Umschlag des Kapitalismus zum Sozialismus, wenn der Reformprozeß einen nicht näher definierten „kritischen Wert" für diesen erreicht haben soll, jenseits dessen er nicht mehr als Kapitalismus fortbestehen könne. So die reformistische Strategie, die aber nur Theorie bleibt, weil dieses reformistische Gesellschaftsveränderungskonzept in der kapitalistischen Realität nicht umsetzbar und letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Wenn eine reformistische Bewegung oder Massenpartei sich aber auf diese falsche reformistische Zielstrategie versteift -die in der reformistischen Alltagspraxis als ihr pseudo - strategisches Hintergrundkonzept jedoch nie sichtbar und als solches praktisch irrelevant bleibt, weil sie sich in konzeptionsloser, kleinkrämerisch improvisierender Tagespolitik ohne politische Zukunftsvision erschöpft- und sie sich nicht radikaler Kritik seitens revolutionärer Sozialisten stellen will, sie als unverhandelbar gegenüber revolutionär - sozialistischen Alternativkonzepten erklärt, verhält sie sich sektiererisch -gegen linke Opponenten. Denn Sektierertum kann durchaus auch von rechts kommen und gegen linke Kritik gerichtet sein, wobei es die landläufige Meinung vorzugsweise nur winzigen linken „Randgruppen" anhängt. Sektierertum verunmöglicht eine konstruktive, wirklich kooperative Bündnisarbeit und ein massenwirksamens Herangehen eines Politzusammenschlusses an andere politische Gruppen und Organisationen sowie aussenstehende, gewinnbare Individuen. Es baut unnötige Hürden gegenüber diesen auf oder erhöht sie und vergrößert bestehende Reserviertheiten und Fremdheiten gegenüber der „Aussenwelt" eines Zusammenschlusses, in dem dieser schlicht methodisch und auch inhaltlich falsch operiert, wenn er sich sektiererisch verhält. Es schä-digt die Anziehungskraft einer Formation. Ein Beispiel für Sektierertum bietet neben anderen einschlägigen Gruppen im trotzkistischen Spektrum die „Spartakist Arbeiterpartei Deutschlands" und die „Partei für soziale Gleichheit", die rivalisierenden Dachverbänden angehören. Radikalität in inhaltlicher oder formal - methodischer Hinsicht an sich impliziert noch nicht Sektierertum und ist allenfalls ein Ausweis für Schein - und Pseudo - Radikalität. Das Gegenteil von Sektierertum ist nicht etwa geringere oder abgehende Radikalität, sondern Rechtsopportunismus und ein systemintegrativ ambitionierter Politpragmatismus, denn Linksopportunismus schließt Sektierertum notwendig ein. Teil 2 folgt |
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| Letzte Aktualisierung ( 21.10.2007 ) |
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