| Ernst Blochs Philosophie des revolutionären Marxismus |
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| 23.08.2007 | |
Das „Prinzip Hoffnung“ ist zu einem geflügelten Wort geworden. Doch sein Ursprung ist nur Eingeweihten geläufig. Es ist der Titel von Ernst Blochs gleichnamigem Hauptwerk, einem der großen marxistisch-philosophischen Texte des 20. Jahrhunderts. Sein dreißigster Todestag ist Anlass genug, sich mit Bloch, dem „Philosophen der deutschen Oktoberrevolution“ (Oskar Negt), zu beschäftigen.
Bloch wird 1885 im proletarischen Ludwigshafen geboren und wächst im Spannungsfeld zum damals eher bürgerlichen Mannheim auf. Schon als Schüler verfasst er erste philosophische Abhandlungen. Nach dem Abitur studiert er Philosophie und im Nebenfach Physik und Musik. Bereits mit 23 Jahren promoviert er mit einer Arbeit über Rickert. In Berlin lernt er im Kreis um Georg Simmel Georg Lukacs kennen. In Heidelberg schließt er Bekanntschaft mit Max Weber. Den ersten Weltkrieg verlebt der Kriegsgegner in der Schweiz, wo sein Buch „Geist der Utopie“ entsteht, dessen Titel sein weiteres Schaffensmotiv erkennen lässt. Nach 1918 gehört er in Berlin zu den Kreisen um Brecht, Weil und Adorno. Der Sieg des deutschen Faschismus – mit dem er sich in „Erbschaft dieser Zeit“ auseinandersetzt – treibt ihn ins Schweizer, dann Prager und anschließend ins us-amerikanische Exil. Dank der Arbeit seiner dritten Frau Karola, geb. Piotrowska, einer Architektin kann er sein opus magnum „Das Prinzip Hoffnung“ und seine große Hegelstudie „Subjekt – Objekt“ vollenden. Er ist ein Anhänger der Volksfrontlinie und unterstützt vorbehaltlos die Moskauer Schauprozesse, die aus der Partei der Bolschewiki eine „Partei der Gehenkten“ (Wadim Rogowin) machen.
Aus den USA kehrt er in die entstehende DDR, nach Leipzig zurück, und bekommt dort einen Lehrstuhl.1955 erhält er den Nationalpreis der DDR. Aber die nicht erfüllten Erwartungen des 20. Parteitages der KPdSU und die brutale Niederschlagung der ungarischen Revolution lassen ihn in Opposition zur SED geraten. Es erfolgt die Emeritierung und als er 1961 bei einem Besuch in der BRD vom Mauerbau überrascht wird, bleibt er dort und erhält eine Gastprofessur in Tübingen (s. Tübinger Einleitung in die Philosophie).
Er engagiert sich im Kampf gegen die Notstandsgesetze und begleitet die außerparlamentarische Opposition mit Sympathie und kann als einer ihrer geistigen Mentoren angesehen werden. Rudi Dutschke und er schließen Freundschaft.
Blochs Theorie der „Stadialität“ beschreibt das gleichzeitige Nebeneinander archaischer und moderner Verhältnisse und erinnert uns an Trotzkis Bemerkung, dass im 10. Stockwerk eines Hochhauses durchaus das Mittelalter zuhause sein kann. Die Betrachtung ungleichzeitiger und kombinierter Prozesse gehört ja gewissermaßen zum Handgepäck „trotzkistischer“ Theoriebildung.
Blochs Philosophie setzt sich stark mit religiösen Themen, insbesondere dem Christentum (Atheismus im Christentum) auseinander. Seine Thesen erreichen das theologische Publikum und inspirieren z.B. Jürgen Moltmann zu einer „Theologie der Hoffnung.“ Bloch wendet sich gegen die Hierarchie in der Kirche, die einen Gott von oben statt den Jahwe des Exodus vertritt und seine Haltung hierzu beförderte die Distanz zur stalinistischen „Kirche“ und ihrem Zentrum Moskau. Zu Recht kritisiert er einen Vulgäratheismus, der eine Leere, einen Hohlraum hinterlässt, der durch dumpfe, dunkele „Inhalte“ wie den Faschismus ersetzt wird.
Seine Schlussfolgerung lautet: Der „Kältestrom“ im Marxismus, die kritische Reflexion, die Kritik der politischen Ökonomie, das Vordringen zum „Nordpol des Gedankens“ (Hegel) muss sein politisch-dialektisches Pedant im „Wärmestrom“ haben, der die Erwartungen der Menschen berücksichtigt und ihre Hoffnungen erfasst, kurzum sich auf das In-Möglichkeit-Seiende bezieht. Eine adäquate Gesellschaftsanalyse muss beide Elemente beinhalten.
Marx und Engels waren auf ihrem Weg zum wissenschaftlichen Sozialismus gezwungen, sich kritisch mit Fourier, Saint-Simon und Owen auseinanderzusetzen, ohne den Genannten den Respekt zu versagen. Sie kritisieren das Abstrakte und Beschränkte an ihren Utopien. Bloch stellt den Utopiebegriff vom Kopf auf die Füße und setzt sich für konkrete Utopien ein, plädiert für die „Unerlässlichkeit sozialutopischer Antizipationen im Kontext marxistischer Praxis…“ und erklärt „durch das Adjektiv konkret verliert die Utopie ihren negativen Aspekt.“ Die konkrete Utopie bewegt sich im Rahmen des objektiv-real-Möglichen, was in der Materie (als Prozessmaterie) Latenz und Tendenz hat. Denken wir nur an die „Latenz zur Arbeiterselbstverwaltung“ (Ernest Mandel), die einen weiten historischen Bogen von der Pariser Kommune über die Oktoberrevolution, die spanische Revolution, antibürokratische Arbeiterkämpfe, Pariser Mai `68 etc. umfasst, der historisch keineswegs abgeschlossen ist, und sich in Zukunft in neuen Varianten als Präludium zur sozialistischen Revolution erweisen wird.
Stichwort Antizipation und antizipierendes Bewusstsein. In seiner Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Psychoanalyse und dem Begriff des Unbewussten setzt Bloch das Noch-Nicht-Bewusste entgegen, das in Wach-, später Tagträumen genannt, erscheint. Im Gegensatz zu Freud sieht Bloch im Hunger und nicht in der Libido den Grundtrieb des Menschen. Auch hier wieder wie im aufrechten Gang der Gegensatz zur animalischen Existenz, „denn es ist nun die ideele Vorwegnahme im Arbeitsprozess des Menschen“, denn „es ist nun einmal nicht zu vermeiden, dass alles, was den Menschen bewegt, den Durchgang durch seinen Kopf machen muss“ (Engels). Und Marx verweist im Kapital, Bd.1, auf die Gestaltungs- und Baukunst der Spinne und Biene beim Netz- bzw. Wabenbau und ergänzt: „Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“ Und vorher: „Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Man hat Bloch häufig ein idealistisches Gesellschaftsbild attestiert; er sei ein Märchenerzähler, der sich ein materialistisches Mäntelchen umgehängt habe! Hören wir einen uns nicht unvertrauten Zeit-Genossen: „Gibt es nur irgendeinen Berührungspunkt zwischen Traum und Leben, dann ist alles in bester Ordnung. Träume solcher Art gibt es leider in unserer Bewegung allzu wenig.“ Dieser Träumer ging unter seinem Parteinamen Lenin in die Geschichte ein!
Die bestehenden Tageskämpfe, die kommenden Auseinandersetzungen auf der Basis von Übergangsforderungen bedürfen im Rahmen der bestehenden Zivilisationskrise einer Ergänzung durch eine Vision einer konkreten sozialistischen Utopie. Um diese Triade und ihre dialektische Vermittlung zu verwirklichen, kann die Hoffnungsphilosophie Ernst Blochs einen großen Beitrag leisten. Erstveröffentlicht in Avanti, Zeitung des RSB, Juli/August 07, www.rsb4.de |
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| Letzte Aktualisierung ( 23.08.2007 ) |
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Das „Prinzip Hoffnung“ ist zu einem geflügelten Wort geworden. Doch sein Ursprung ist nur Eingeweihten geläufig. Es ist der Titel von Ernst Blochs gleichnamigem Hauptwerk, einem der großen marxistisch-philosophischen Texte des 20. Jahrhunderts. Sein dreißigster Todestag ist Anlass genug, sich mit Bloch, dem „Philosophen der deutschen Oktoberrevolution“ (Oskar Negt), zu beschäftigen.

