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Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme. (Karl Marx) Drucken E-Mail
01.08.2007
richtungsstreitOder Irrtümer werden auch nicht richtiger, wenn sie von Lenin übernommen werden.

Kurze Widerlegung der von Arbeitermacht im NLO vertretenen These, revolutionäres Bewusstsein müsse von außen in die Bewegungen getragen werden.

Martin Mitterhauser, Gruppe Arbeitermacht,  schreibt in seinem Artikel „Über die politischen Differenzen im NLO: "Das konnte natürlich auch gar nicht anders sein, weil sich revolutionäres oder sozialistisches Klassenbewusstsein nie spontan, aus dem Kampf, aus der Bewegung entwickelt, sondern auch das Bewusstsein der ausgebeuteten Klasse immer durch die Erscheinungsformen der grundsätzlichen gesellschaftlichen Widersprüche in ideologisierter Weise erscheinen muss. Marx verdeutlicht das u.a. bei der Analyse der Lohnform."

Martin Mitterhauser wiederholt hier grob vereinfacht eine These Lenins, die schon durch die Geschichte widerlegt war, als dieser sie 1902 von Karl Kautsky  übernahm. "Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht", hatte Kautsky geschrieben und gefolgert: "Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas urwüchsig aus ihm Entstandenes." (Die Neue Zeit, 1901-1902, XX, I, Nr.3, S.79/80)

Lenin begründet mit der Kautsky-These und einem Verweis auf die von Engels aufgemachte Dreiteilung der Kämpfe als ökonomische, politische und theoretische die Notwendigkeit die Bewusstseinsbildung durch ein Zeitungsprojekt, die Iskra, voranzubringen. Er schreibt eine Seite später in einer Fussnote: "Die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen, aber die am weitesten verbreitete (und in den mannigfaltigsten Formen ständig wiederauferstehende) bürgerliche Ideologie drängt sich trotzdem spontan dem Arbeiter am meisten auf."(Lenin Werke, S.177)

Hätten Kautsky, Lenin und ihre unzähligen Nachahmer Marxismus als das verstanden, was Marxsche Arbeitsmethode war, nämlich die genaue Beobachtung und historisch-dialektischen Herleitung gesellschaftlicher Phänomene sowie die penible Überprüfung jeder These anhand der Wirklichkeit, wäre ihnen dieser Irrtum nicht unterlaufen. Lange bevor Marxisten zu Einfluss in der Arbeiterbewegung gelangten, also nachweislich ohne Einwirkung des wissenschaftlichen Sozialismus hatte sich revolutionäres Bewusstsein im Proletariat entwickelt. So zum Beispiel in der Pariser Kommune.

Karl Marx schreibt 1971: „Die Proletarier von Paris", sagte das Zentralkomitee in seinem Manifest vom 18. März, "inmitten der Niederlagen und des Verrats der herrschenden Klassen, haben begriffen, daß die Stunde geschlagen hat, wo sie die Lage retten müssen, dadurch, daß sie die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre eignen Hände nehmen ... Sie haben begriffen, daß es ihre höchste Pflicht und ihr absolutes Recht ist, sich zu Herren ihrer eignen Geschicke zu machen und die Regierungsgewalt zu ergreifen." (MEW Band 17, Seite 335) Kautsky, Lenin und auch Martin Mitterhauser sind hier ad absurdum geführt. Die Proletarier von Paris hatten keine Anleitung, entwickelten das revolutionäre Bewusstsein aus sich selbst heraus und sie entwickelten in ihrer Praxis, die Rätedemokratie als "endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte" (MEW Bd.17, Seite 342). Marx hatte keine Probleme damit, sich von der Praxis der Kommune eine Änderung ins Kommunistische Manifest diktieren zu lassen. Die Kommune hatte gezeigt, dass "die Arbeiterklasse ... die fertige Staatsmaschinerie [nicht] einfach in Besitz nehmen und diese für ihre eigene Zwecke in Bewegung setzen [kann]." (MEW Band 17, Seite 336) Dies war die einzige Änderung, die Marx zur Neuauflage des Kommunistischen Manifests 1875 vornahm. Im gleichen Jahr schrieb er übrigens im Rahmen seiner Kritik des Gothaer Programms an Wilhelm Brake: „Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme." (MEW Bd. 19, S. 13)

Martin Mitterhauser zieht als theoretischen Beweis Darlegungen von Marx zur Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise heran: „Man begreift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohns oder in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie." (Marx, Das Kapital, S. 563, MEW 23)

Darin zeigt sich, dass das Bewusstsein der unterdrückten Klasse nicht nur von einer monopolisierten Medienindustrie der herrschenden Klasse, von Religion, bürgerlicher Moral, Institutionen wie der Familie usw. systemkonform zugerichtet oder manipuliert wird. Es sind vielmehr die kapitalistischen Produktionsverhältnisse selbst, die in ideologisierter Form erscheinen müssen, weil wir es mit einer Gesellschaft verallgemeinerter Warenproduktion zu tun haben. Daher sind Ideen wie die Vorstellung eines „gerechten Lohns" nicht einfach „Täuschungen", sondern auch mit Notwendigkeit hervorgebrachte Ideologie, „gesellschaftlich gültige, also objektive Gedankenformen (Marx)".

Und Mitterhauser folgert: „Es ist damit auch klar, dass ein Durchbrechen dieser Formen nicht bloß durch die Erfahrung, die ja selbst von diesen Formen geprägt ist, sondern nur durch eine Verbindung von Kampf und Wissenschaft erfolgen kann. Der wissenschaftliche Sozialismus (der Marxismus) musste daher in der Kritik bestimmter ideologischer Systeme (deutsche idealistische Philosophie, klassische Nationalökonomie, Frühsozialismus) entwickelt werden und kann nicht spontan aus der „Erfahrung" erwachsen. Genau aus diesem Grund muss revolutionäres Klassenbewusstsein, „von außen" in die Kämpfe getragen werden, wie auch Lenin in „Was Tun?" ausführt." Offen bleibt, wieso z.B. die revolutionären 72 Tage der Pariser Kommune vor dieser „Erkenntnis" und einer darauf ausgerichteten revolutionären Strategie stattgefunden haben. Die geleugnete historische Tatsache ist,  dass Rätedemokratie bzw. Arbeiterdemokratie, wie sie erstmals in der Kommune verwirklicht wurde, aus der Praxis der Arbeiterbewegung entstanden ist.  Sie ist kein theoretisches Konstrukt, was der Praxis übergestülpt wird.

Martin Mitterhauser, resp. Gruppe Arbeitermacht, greift schlicht zu kurz, wenn die Marxsche Analyse der Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise als Nachweis für die Unmöglichkeit revolutionäres Bewusstsein aus dem Innern, der Praxis der Arbeiterbewegung zu entwickeln, herangezogen wird. Marx beschreibt nämlich den kapitalistischen Normalzustand, in dem sich die Menschen  „als Warenbesitzer gegenübertreten", in dem die gesellschaftliche Form des Austauschs ihre Beziehungen bestimmt und die gesellschaftlichen Eigenschaften der Dinge ihnen dadurch als Natureigenschaften erscheinen. Marx beschäftigt sich bei dieser Darlegung  nicht mit dem Ausnahmezustand des Kampfes.

Wenn im praktischen Kampf Klasse gegen Klasse Menschen sich nicht mehr als Warenbesitzer gegenübertreten, Güter während des Kampfes nicht mehr als Waren gehandelt werden, weil gilt: „Jeder gibt, was er kann und nimmt, was er braucht", stellen die Kämpfenden in ihrer Praxis aus den Erfordernissen der Kämpfe die „verrückte Welt" ihres bekannten, fremdbestimmten Alltags vom Kopf auf die Füße. Menschen treten sich dann wieder direkt und nicht vermittelt über Waren gegenüber. Diese befreiende Praxis, ein Stück gelebte Utopie, schafft das revolutionäre Bewusstsein und gibt den Kämpfenden Klarheit, Konsequenz und Kraft. Ohne diese Praxis, die nicht unbedingt der revolutionären Theorie bedarf, aber durchaus von ihr befruchtet werden kann, bleibt auch das tiefgehende Studium aller Marxistischen Theoretiker lediglich oberflächliche Bildung. (Wo über Jahrzehnte Kämpfe möglichst verhindert wurden, wie in der BRD, ist daher auch das Bewusstsein der abhängig Beschäftigten schwach entwickelt.) Mit „Ökonomismus" haben diese direkt erlebbaren Gesetzmäßigkeiten revolutionärer Prozesse nichts zu tun. 

Revolutionäre können solche Kämpfe und die dort stattfindende Bewusstseinsbildung unterstützen, indem sie zum Kampf ermutigen, an den Kämpfen teilnehmen und als Teil der Kämpfenden Vorschläge machen. Diese Vorschläge wurden gerade in der Nachfolge Leo Trotzkis vorwiegend als Forderungen eines Übergangsprogramms,  mit dem eine revolutionäre Führung erobert werden sollte, begriffen. Diese Ansätze waren bis heute unterdurchschnittlich erfolgreich. Es scheint auch aus dieser Erfahrung geboten, in Zukunft einen größeren Schwerpunkt auf die praktische Entwicklung der Kämpfe als solidarische und selbstbestimmte zu legen. Ein Gegensatz zum Kampf gegen die bürgerliche Hegemonie, etwa durch Publizistik und aufklärerische Bildungsarbeit ist daraus nicht aufzumachen.

Edith Bartelmus-Scholich, 31.7.07

Letzte Aktualisierung ( 01.08.2007 )
 
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