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04.09.2010
 
 
Offener Brief von Charlotte Ullmann an Oskar Lafontaine Drucken E-Mail
26.11.2006
lafontaineLieber Oskar,

meine Gratulation zu Deiner Rede auf dem 10. Parteitag der Linkspartei.PDS Berlin am 19.11.2006!

Offensichtlich hast Du meine an Dich gerichteten offenen Briefe gelesen oder selbst nachgedacht angesichts der neueren Entwicklung in Berlin nach der Landtagswahl am 17.September 2006. Es scheint eine weitverbreitete Tatsache zu sein, dass der Mensch erst einmal Schaden erleben muss, bevor er die Gundlinien menschlicher Psyche (und die Vielheit der Wähler besteht eben aus Menschen!) begreift. Nun stehen nicht nur die Berliner vor dem Scherbenhaufen! Auf dieser Grundlage bedeutet eine weitere Koalition in Berlin den Selbstmord der Linken und ein Erstarken der Rechtsradikalen.

Auch diese Gefahr erkennst Du mittlerweile. Statt aber konsequent das Ruder herumzureißen, um das Schiff vor dem Kentern zu retten, pustest Du von der Lee-Seite her sachte ins Segel in der Hoffnung, das Schiff werde sich derart schon wenden: Wenigstens möge, wenn es nach Dir ginge, die Berliner LPDS dem Wowereit signalisieren, dass sie bereit bei Nichteinhalten der anti-neoliberalen Mindeststandards, wie Verzicht auf Sozialkürzungen, Privatisierungen usw., aus der Koalition herauszugehen. Andernfalls koste es unsere Glaubwürdigkeit!

Ja, lieber Oskar! Die Glaubwürdigkeit! Gebetsmühlenartig habe ich Dich in meinen Briefen angefleht, unsere Glaubwürdigkeit, nämlich die der WASG, mit der Durchsetzung des Kooperationsabkommens III und ähnlicher Spagate, nicht aufs Spiel zu setzen! Und siehe da, Gott hat mich - wenn auch eigentlich fast zu spät - erhört! Oder scheint es nur so?

Bleibt nun doch zu hoffen, dass Deine Taten endlich mal zu Deinen Worten passen! Wenn Du nun mit Max Weber erkannt hast, was politische Glaubwürdigkeit bedeutet, nämlich dass der Wähler vom Politiker nicht genau sagen kann, was er tun wird, sondern was er nicht tun wird, dann bist Du schon auf dem richtigen Dampfer, nämlich auf unserem, dem der Ursprungs-WASG oder jetzt der NLO (Netzwerk Linke Opposition, www.netzwerk-linke-opposition.de). Auch wir haben unsere Mindeststandards, unsere "Roten Haltelinien" (die neben Verzicht auf Privatisierung und Sozialkürzung auch noch den Aufbau einer wirklich demokratischen Partei implizieren), unterhalb derer wir eine Hochzeit mit der LPDS nicht eingehen würden. Auch wir möchten eine starke, gesamtdeutsche Linke, aber nicht zu jedem Preis! Und Du gibst uns nun recht mit Deiner Rede!

mit den besten Grüßen

Charlotte Ullmann aus Frankfurt am Main am 24. 11.06

 

Letzte Aktualisierung ( 18.01.2007 )
 
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