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Felsberger Erklärung des Netzwerks Linke Opposition Drucken E-Mail
06.10.2006

impuls antrag 2 felsbergFür eine glaubwürdige neue linke Partei als soziale Alternative!

Den von der WASG beschlossenen ergebnisoffenen Prozess zur Bildung einer vereinigten linken Partei halten wir für politisch sinnvoll. Ziel dieses Prozesses ist eine starke pluralistische Kraft gegen den Neoliberalismus aufzubauen. Sie soll einen Beitrag zur Überwindung der neoliberalen Hegemonie leisten und einen Politikwechsel einleiten. Mit dieser Zielsetzung arbeiten wir in diesem Prozess mit. Der bisherige Verlauf des Prozesses, der nun in der Debatte um Programm und Statut angekommen ist, lässt uns befürchten, dass die politischen Ziele verfehlt werden.

Bereits ein Jahr nach den Bundestagswahlen und nach dem Regierungsantritt von A. Merkel befindet sich die Große Koalition von CDU und SPD in einer tiefen Krise: Fast 50% der Wahlberechtigten sind bei den nachfolgenden Landtags- und Kommunalwahlen zuhause geblieben und haben so ihre Ablehnung und Enttäuschung über die neoliberale Politik der Regierungs- und Oppositionsparteien zum Ausdruck gebracht. Immer größere Teile der Bevölkerung zweifeln an der Fähigkeit und Bereitschaft aller Parteien und Politiker, den demokratischen Auftrag der Wähler in einer in Wirklichkeit von Konzernherren beherrschten Gesellschaft durchzusetzen. Diese wachsenden Zweifel an der bestehenden Gesellschaftsordnung müssen von einer Linken zum Ausdruck gebracht und mit einer antikapitalistischen Perspektive beantwortet werden. Die sozialen Rechte und Errungenschaften der Arbeiterbewegung und die Forderungen der Linken nach Ausbau der sozialen Sicherungssysteme, Arbeitszeitverkürzung, Mindestlohn etc. können im Rahmen der kapitalistischen Profitwirtschaft nicht dauerhaft verteidigt bzw. erreicht werden. Deshalb muss die Linke mit sozialistischen Perspektiven Alternativen zu den angeblichen "Sachzwängen" aufzeigen. In diesem Sinne sprechen wir uns entschieden für eine Partei aus, die betriebliche und gewerkschaftliche Kämpfe und außerparlamentarische Bewegungen als ihren Schwerpunkt betrachtet.

Dem Parteibildungsprozess mangelt es an Mitwirkungs- und Entscheidungsmöglichkeiten der Parteibasis. Dies trägt dazu bei, dass sich immer mehr Mitglieder aus der Teilnahme daran zurück ziehen. Passiv warten sie die Ergebnisse ab; wenn diese ihnen nicht zusagen, werden viele von ihnen in der neuen Partei nicht dabei sein. Wir wollen diesen Trend stoppen und fordern echte Entscheidungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten für jedes WASG-Mitglied. Deshalb unterstützen wir die Initiative für eine Urabstimmung, in der die Mitglieder der WASG über wichtige den Charakter der zukünftigen Partei bestimmende Fragen direkt entscheiden sollen.

Der Parteibildungsprozess hat nicht dazu geführt, dass die Linkspartei.PDS ihre Regierungspolitik in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern verändert oder kritisch reflektiert. Ganz im Gegenteil: In Berlin tritt die Linkspartei.PDS mit dem Slogan "Weiter so!" zur Abgeordnetenhauswahl an. Während des Wahlkampfs wurden dann im Gegensatz zu eigenen Wahlaussagen auch weiter tausende Wohnungen privatisiert. Auf der Tagung der Parteivorstände der beiden Parteien und der Fraktionsspitze am 28.8.06 legten sich alle auf eine Fortsetzung der Beteiligung an den Landesregierungen fest. Sämtliche Vorsitzenden der mitgliederstarken ostdeutschen Landesverbände und der Landtagsfraktionen sowie die Mehrheit des Parteivorstands der Linkspartei.PDS haben mit der Unterzeichnung des Papiers "Abschied und Wiederkehr" bekräftigt, dass die neue linke Partei die Politik und die Strategie der Linkspartei.PDS fortsetzen soll. Dies bedeutet in der Praxis den raschen, relativ bedingungslosen Eintritt auch in eine Bundesregierung anzustreben. Diese Politik und diese Perspektive sind für viele Mitglieder der WASG Anlass sich aus dem Parteibildungsprozess zurück zu ziehen. Damit besteht die Gefahr, dass einer Fusion der beiden Parteien das Scheitern des Projekts folgen wird. Erst werden die Mitglieder sich abwenden, später die Wählerinnen und Wähler.

Wir wollen dieses Projekt derzeit noch nicht aufgeben, es aber auf eine andere Grundlage stellen, die eher geeignet ist eine Partei zu schaffen, mit der wir unsere politischen Ziele erreichen können. Für unsere Zustimmung zur Auflösung der WASG auf dem Bundesparteitag 07 und in der abschließenden Urabstimmung benennen wir folgende Voraussetzungen:

1. Die neue Partei entsteht durch eine Neugründung, nicht durch eine Fusion in der die Mitgliederbestände automatisch übernommen werden und schon gar nicht indem die WASG Mitglieder der Linkspaprtei.PDS beitreten. Jedes Mitglied soll sich durch Beitritt für die neue Partei entscheiden, alle Ämter sind neu zu wählen.
2. In der neuen Partei gilt die Trennung von Amt und Mandat und von Amt und Beschäftigungsverhältnis bei der Partei, den Fraktionen, einzelnen Abgeordneten oder Tendenzbetrieben. Einzubeziehen in dieses Verbot sind nicht nur Vorstandsämter auf Landes- und Bundesebene sondern auch Delegiertenämter zu Parteitagen.
3. Die neue Partei verneint Privatisierungen der öffentlichen Daseinsvorsorge nicht nur in ihren Programmen, sondern beteiligt sich auch in der Praxis weder auf Landes- und Bundesebene noch in den Kommunen daran.
4. Die neue Partei tritt nicht in Regierungen ein, die Sozialabbau betreiben, tarifliche Standards oder Löhne im öffentlichen Dienst absenken bzw. die Arbeitszeit der Beschäftigten erhöhen.
5. Die neue Partei stimmt Auslandseinsätzen der Bundeswehr nicht zu. Sie wendet sich auch strikt gegen Einsätze der Bundeswehr im Rahmen der inneren Sicherheit.

Für den Fall, dass in diesen Punkten kein Konsens in den Verhandlungen zu Stande kommt, werden wir auf dem Bundesparteitag 07 und in der Urabstimmung für den Erhalt der WASG kämpfen. Wir fordern daher alle Kritiker und Kritikerinnen auf, nicht aus der WASG auszutreten, sondern uns zu helfen. Bereits ausgetretene Mitglieder bitten wir, ihre Entscheidung zu überdenken. Sollte dann auch ein Erhalt der WASG nicht durchsetzbar sein, werden wir gegen jede politische Partei, die öffentliches Eigentum privatisiert, Sozialabbau betreibt und tarifliche Standards bzw. Löhne absenkt, eine politische Kraft als Alternative aufbauen. Schon heute gibt es da, wo die Linkspartei.PDS "mitregiert" Platz für eine Partei links von ihr. Als ein Netzwerk bringen wir AktivistInnen zusammen, die aus der möglichen Fusion von L.PDS und WASG wahrscheinlich unterschiedliche praktische Schlussfolgerungen ziehen werden. Unsere Kooperation wird nicht davon berührt, ob die Netzwerk-UnterstützerInnen einen Eintritt in eine fusionierte Partei ausschließen oder darin Möglichkeiten zu linker Oppositionsarbeit sehen. Wir sind davon überzeugt, dass die von uns geforderten "roten Linien" in der WASG von der Mehrheit der WASG-Mitglieder Zustimmung finden. Auf ihrer Grundlage kann eine glaubwürdige linke Partei entstehen. Zur Verankerung dieser Positionen im Programm und im Statut der zukünftigen Partei werden wir daher solidarisch mit allen Mitgliedern der WASG und der Linkspartei.PDS zusammenarbeiten, die diese Ziele auch für unverzichtbar halten.

Bei 2 Gegenstimmen und 12 Enthaltungen auf dem bundesweiten Treffen des Netzwerks Linke Opposition am 3.10.06 in Felsberg beschlossen.

Letzte Aktualisierung ( 02.01.2007 )
 
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