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Bilanz einer Schieflage - Fehlentscheidungen des Berliner SPD/Linkspartei.PDS Senats Drucken E-Mail
15.06.2006

Berlin braucht eine soziale Opposition!

Seit dem Antritt der rot-roten Landesregierung in Berlin sind mehr als vier
Jahre vergangen. Im September gibt es Neuwahlen. Es ist nun Zeit für eine
Bilanz: Die Politik des SPD/PDS-Senats hat die Hoffnung auf eine soziale
Politik in Berlin enttäuscht.

Vielen Berlinerinnen und Berlinern geht es heute schlechter als vor vier
Jahren. In der freien Wirtschaft nahmen viele Beschäftigte Lohn- und Gehaltseinbußen
im Tausch gegen das Versprechen hin, ihren Arbeitsplatz zu
behalten. Trotzdem ging die Zahl der Arbeitsplätze weiter stark zurück. Im
öffentlichen Dienst senkte der Senat die Löhne und Gehälter und vernichtete
seit 2002 rund 15.000 Arbeitsplätze. Im Gesundheitswesen, in der Bildung,
der Kultur und im Sozialbereich wurden durch Kürzungen zahlreiche
Einrichtungen geschlossen – obwohl die meisten Kürzungen in haushaltspolitisch
unrelevanten Größenordnungen lagen. Fast überall müssen wir für
weniger Leistung mehr Geld bezahlen. Am meisten leiden unsere Kinder,
die Alten und die Armen.
Die Senatsparteien SPD und Linkspartei.PDS erklären, das müsse so sein. Der riesige Schuldenberg, den sie von den CDU-Vorgängern übernommen
hätten, zwinge sie, den Haushalt radikal zu konsolidieren, um die Bundesregierung
vor dem Bundesverfassungsgericht rückwirkend auf 35 Milliarden
Euro Bundeshilfe verklagen zu können. Die Kürzungen der Bundeshilfen
seit 1990 nahm Berlin kritiklos hin und türmte lieber Schulden auf!
Dabei vergibt der Berliner Senat mit einem zu niedrig bemessenen Streitwert
von 35 Mrd. Euro - tatsächlich sind es nach unseren überschlägigen
Berechnungen min. 55 Mrd. Euro - eine Chance auf eine echte Haushaltskonsolidierung.
SPD und Linkspartei.PDS haben sich dem Primat der Haushaltskonsolidierung
durch Ausgabenkürzung verschrieben.

Die Linkspartei.PDS beteiligt sich in Berlin an der Umverteilung von unten nach oben und will uns weismachen, die Politik der letzten vier Jahre verdiene nur eine Bewertung:
„Weiter so!“. In Berlin hat sich gegen die sinnlose Sparpolitik des rot-roten
Senats eine Protestbewegung entwickelt, an der die WASG teilnimmt.
Ein „Weiter so!“ hätte zur Folge, dass der antisoziale Rasenmäher weiteren
Sozialeinrichtungen den Garaus macht. Ein „Weiter so!“ beeinträchtigt die
Zukunftschancen Berlins und seiner Bürger über Jahrzehnte hinaus.
Die WASG Berlin ist keinesfalls grundsätzlich gegen eine Zusammenarbeit
mit der Linkspartei.PDS. auf anti-neoliberaler Grundlage im Hinblick auf
einen glaubhaften Neuanfang als geeinigte Linke.

Leider lässt diese bislang beharrlich jedes Einlenken, jede aufrichtige
Selbstkritik ihrer Rolle im Senat vermissen.
Mit der vorliegenden Zusammenstellung setzen wir der rot-roten Schönfärberei
die Tatsachen entgegen. Sie machen deutlich, wie notwendig eine
starke Opposition in Berlin ist. Die WASG Berlin hat Alternativen entwickelt.
Die Zukunft Berlins darf nicht tot gespart werden!

1. Umsetzung von Hartz IV

Im Zwiespalt zwischen sozialem Anspruch und realpolitischen „Sachzwängen“
vollführte die Linkspartei.PDS in Berlin einen eigentümlichen Spagat.
Während man am gesellschaftlichen Protest gegen Sozialabbau teilnahm
(Montags-Demos etc.), beteiligte man sich nahezu gleichzeitig und weitgehend
kritiklos im Senat an der Umsetzung von Hartz IV. Fraktionsvorsitzender
Liebich bezeichnet dieses Vorgehen als „vernünftig“ und Wirtschaftssenator
Harald Wolf schrieb in einem Fraktions-Strategiepapier von
2004, die PDS „soll nicht auf mildernde Umstände plädieren, sondern [sich]
zum Vorsatz bekennen“. In der Sache habe die rot-rote Koalition „Beachtliches
geleistet …“ Während sich die Linkspartei.PDS bundesweit gegen
Hartz IV und 1-Euro-Jobs stark macht, scheint in Berlin der Wille zur Senatsbeteiligung
um jeden Preis zu dominieren. Berlins Regierender Wowereit
bringt es wie folgt auf den Punkt: „In Berlin ist das ganz anders. Hier
macht die PDS eine praktische Politik. Sie arbeitet mit an der Umsetzung
von Hartz IV, entgegen dem, was ihre Bundespartei fordert. Da ist die PDS
durchaus schizophren.“ Anstatt die soziale Situation der Menschen zu
verbessern setzt der SPD/PDS–Senat weiter auf Sozialabbau und nutzt die
Gestaltungsmöglichkeiten zugunsten der Betroffenen auf Landesebene nur
unzureichend aus. Ebenfalls gab es keine Initiativen des SPD/PDS-Senats
zur Rücknahme des Gesetzes auf Bundesebene.

2. Es drohen 40.000 Zwangsumzüge

Das Versprechen der Sozialsenatorin Knaake-Werner (Linkspartei.PDS) im
Dezember 2004, „in Berlin wird es keine Umzüge geben“, erweist sich als
Lüge. So werden durch die „Ausführungsvorschriften zur Ermittlung angemessener
Kosten der Wohnung“ (kurz AV-Wohnen) aus ihrem Hause die
anfallenden Wohnungskosten für ALG II-Empfänger nur für die Dauer eines
Jahres in der tatsächlichen Höhe übernommen. Die Mietkosten von rund
70.000 der insgesamt 319.000 Bedarfsgemeinschaften liegen über dem
Limit. Das Berliner Stadtforschungsinstitut TOPOS rechnete im Oktober
2005 in einer Studie mit 40.000 Zwangsumzügen in den kommenden Jahren.
Der Versuch, diese Prognosen durch niedrigere schönzufärben, ist
purer Sarkasmus: viele werden nicht umziehen, sondern einen Teil ihrer
Miete von ihren ohnehin knappen Bezügen bezahlen.

3. Einführung von 1-Euro-Jobs

Über 34.000 Berlinerinnen und Berliner sind momentan in Arbeitsgelegenheiten
mit Mehraufwandentschädigung (MAE), so genannten 1-Euro-Jobs,
beschäftigt. Die Mehraufwandentschädigung von 1,50 Euro pro Arbeitsstunde

menschlicher Arbeitskraft. Zusätzlich handelt es sich hierbei um arbeitsrechtlich
höchst problematische, weitgehend rechtlose Arbeitsverhältnisse
meist ohne Perspektive. Zudem müssen oft überflüssige Arbeiten durchgeführt
werden, die von den Beschäftigten als reine Schikane empfunden
werden. Die im Durchschnitt an die Maßnahmeträger gezahlten 300 Euro
für Verwaltungs- und Fortbildungskosten öffnen Missbrauch Tür und Tor.
Der SPD-PDS-Senat führte ohne Zwang und in großem Stil 1-Euro-Jobs im
öffentlichen Dienst ein, z.B. in Schulen und bei den Grünflächenämtern.
Der Hauptpersonalrat kritisiert dies an vielen Beispielen als Arbeitsplatzvernichtung.
Tätigkeiten, die bisher von regulär Beschäftigten geleistet
wurden, übernehmen nunmehr 1-Euro-Beschäftigte.

4. Abschaffung des BVG-Sozialtickets

Anfang 2004 wurde der Zuschuss für das Sozialticket nicht nur gekürzt,
sondern ganz abgeschafft. Auch das Senioren- und Arbeitslosenticket für
BVG und S-Bahn wurden gestrichen. Nach massiven Sozialprotesten wurde
diese Karte ein Jahr später zum Preis von EUR 32,00 wieder eingeführt.
Mittlerweile kostet sie EUR 33,50 und gilt lediglich für ALG II- und Sozialgeld-
Bezieher. Dieses so genannte neue "Sozialticket" wird seinem Namen
nicht gerecht, beträgt doch der Anteil für Nahverkehr 10 Prozent des verfügbaren
Einkommens von ALG II-Empfängern. Und weitere Preissteigerungen
beim Nahverkehr sind geplant. Das Recht auf Mobilität ist ein
Grundrecht - auch für Menschen mit geringem Einkommen.

5. Ausstieg aus dem kommunalen Arbeitgeberverband

Um die Gewerkschaften zu erpressen, trat Berlin aus dem kommunalen
Arbeitgeberverband aus. Der Anwendungstarifvertrag, der den Gewerkschaften
daraufhin abgepresst wurde, schließt betriebsbedingte Kündigungen
nur bis 2009 aus, und er senkt bereits jetzt die Bezüge für die Arbeiter
und Angestellten. Da zugleich die Arbeitszeiten auf dem Papier anteilig
gesenkt wurden, behauptet die Linkspartei.PDS, es handele sich nicht um
Lohnsenkung. Die Beschäftigten müssen nun für weniger Geld die gleiche
Arbeit erbringen. Die vergleichbare Absenkung der Berliner Beamtenbesoldung
(Kürzung des Weihnachts- und Urlaubsgeldes) wurde über eine Berliner
Bundesratsinitiative möglich. In Folge dieser Politik senkten fast alle
Bundesländer ebenfalls die Besoldungen. Der Berliner Tarifbruch setzte
eine bundesweite Abwärtsspirale in Gang. Den Gewerkschaften war zugesichert
worden, dass die Absenkung ein zeitlich beschränkter Solidarbeitrag
der Beschäftigten bis Ende 2009 sei. In den Sanierungsplanungen der
mittelfristigen Finanzplanung des SPD-PDS-

6. Lohn- und Gehaltskürzungen in öffentlichen Einrichtungen


Bei der BVG setzte der SPD-PDS-Senat im Jahre 2004 Gehaltskürzungen
von 10% durch. Neue Kollegen erhalten weitere 15% weniger Lohn. Insgesamt
spart der Senat 38 Millionen Euro bei den Beschäftigten. Beim Krankenhauskonzern
Vivantes (9 große Krankenhäuser) wurde mit der Drohung
einer Insolvenz das Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen, zudem wird
der Arbeitsstress durch Personalabbau von 17.000 auf 13.000 für die
verbleibenden Mitarbeiter zunehmend unerträglich. Bei der Stadtreinigung
werden ähnliche Kürzungen angestrebt. Die Geschäftsführung und der
Aufsichtsrat der Charité (Vorsitzender des Aufsichtsrates ist Linkspartei.
PDS-Senator Thomas Flierl) fassten den Beschluss, 400 Mitarbeiter
betriebsbedingt zu kündigen, wenn die Mitarbeiter nicht bereit sind, noch
weitergehende Lohnkürzungen als bei Vivantes hinzunehmen.
Zudem erlaubte der Aufsichtsrat unter Vorsitz von Flierl, das gesamte Facility
Management bis zum Jahr 2010 zu einem Fixpreis an ein Konsortium
unter Führung der Firma Dussmann zu vergeben. Dussmann beteiligte sich
mit 49% an der dafür zuständigen Tochterfirma der Charité, in die nun über
1.000 Mitarbeiter der Charité wechseln sollen. Mit dieser Komplettvergabe
verlieren über 200 kleine und mittlere Berliner Unternehmen ihre Aufträge.
Das Dussmann-Konsortium wird die Effizienzgewinne vor allem über massive
Lohnsenkung bei den Beschäftigen und insbesondere bei den beauftragten
Subunternehmen realisieren. Die PDS ist zwar vordergründig für
„keine weitere Privatisierung“. Gleichzeitig lässt sie aber zu, dass unter
dem Mantel des Staatlichen munter die Privatisierung durch Outsourcing
vorangetrieben wird. Dies kann dazu führen, dass unter dem Dach einer
„staatlichen Holding“ nur noch Privatfirmen arbeiten.

7. Stellenabbau und Einführung des Stellenpools

Seit 1991 wurden im unmittelbaren Landesdienst 67.000 Stellen (37%)
abgebaut. Seit 2002 (SPD-PDS-Senat) waren es allein 15.000. Bis 2012
sollen es weitere 18.000 Stellen sein. Der Stellenabbau bei BVG, BSR,
Vivantes, städtischen Wohnungsbaugesellschaften, privatisierten Unternehmen
der Daseinsvorsorge sowie ausgegliederten Kindergärten kommt
hinzu. Für die sog. „Personalüberhangskräfte“ wurde gegen den entschiedenen
Widerstand der Gewerkschaften der sog. „Stellenpool“ als eigene
Behörde geschaffen, der Beschäftige nach Lust und Laune versetzen kann.
Neueinstellungen finden seit Jahren de facto nicht mehr statt.
8. Risikoübernahme für die Fondzeichner der Bankgesellschaft
Die Übernahme der Risiken aus dem Immobiliendienstleistungsgeschäft in der Pleite allein den Berlinerinnen und Berlinern auf. Die privaten Fondszeichner,
die übrigen privaten Anteilseigner der Bankgesellschaft, die
westdeutschen Großbanken und das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen
(Vertreter der Staatshaftung) wurden zu der Sanierung nicht herangezogen.
Nach Schätzungen des Finanzsenators wird das Land (neben
der Kapitalerhöhung von 1,75 Milliarden Euro in 2001) vermutlich zusätzlich
zwischen 4 und 6 Milliarden Euro zur Sicherung der Renditen privater
Fondszeichner aufbringen müssen. Die Unvermeidlichkeit der Risikoübernahme
wurde nie von unabhängiger Seite geprüft. Die zentrale Forderung
der Initiative Berliner Bankenskandal war die Nachverhandlung der Fonds.
Dies wurde vom Senat immer als unrealistisch abgetan. Mittlerweile läuft
eine solche Nachverhandlung, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Eine Prüfung durch die kritische Öffentlichkeit, ob die Nachverhandlung
zu Gunsten des Landes verläuft, ist so nicht möglich. Eine unabhängige
Expertenkommission – wie von der Banken-Initiative gegen den Bankenskandal
immer vorgeschlagen – wurde niemals installiert.
Das Abnicken des Risikoabschirmungsgesetzes war die ziemlich teure
Eintrittskarte für die Regierungsbeteiligung der PDS. Aber es gab und gibt
Alternativen: Man hätte u.a. das ökonomische Scheitern der Immobilienfonds
und damit eine kontrollierte Insolvenz der Bankgesellschaft unter
Herauslösung/Erhaltung der Sparkasse betreiben können.

9. Beschluss zur Privatisierung der Berliner Sparkasse

Mit dem Beschluss zur Risikoübernahme einigten sich SPD und PDS auf
den Komplettverkauf der Bankgesellschaft und damit auch der Berliner
Sparkasse. Im Wahlkampf hatte die PDS dies noch ausgeschlossen. Dieser
Entschluss führte maßgeblich dazu, dass die EU-Kommission im doppelten
Beihilfeverfahren (Kapitalerhöhung von 2001 und Risikoübernahme
von 2002) den Verkauf der Sparkasse bis 2007 ausdrücklich zur Bedingung
machte. Diese Auflage wurde kritiklos hingenommen, ein Widerspruch
unterblieb. Im Jahr 2003 scheiterte der erste Verkaufsversuch der
Bankgesellschaft/Sparkasse an einen US-Investor knapp. Ob ein Sparkassenkonsortium
im laufenden Bieterverfahren zum Zuge kommt, ist offen.
Berlin droht daher erste sparkassenfrei Zone in Deutschland zu werden.
10. Verbot des Volksbegehrens zum Bankenskandal
Ein breites Bürgerbündnis sammelte über 37.000 Unterschriften (25.000
waren nötig) zur Rückabwicklung der Bürgschaft. Durch einen SPD/PDSSenatsbeschluss
wurde die zweite Stufe des Volksbegehrens untersagt, da
das Begehren in unzulässiger Weise in die Haushaltshoheit des Parlaments
eingreife. Der Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin bestätigte
am 22.11.2005 diesen Senatsbeschluss (VerfGH 35/04). Die Folgen für die politische und demokratische Kultur sind katastrophal: Mit diesem Urteil
wird den Berliner Bürgerinnen und Bürgern das fundamentale demokratische
Recht geraubt, einen direkten Einfluss auf die Geschicke des Landes
zu nehmen, wenn die politische und wirtschaftliche „Klasse“ versagt. Zudem
wird die Vorschrift über den sog. „Haushaltsvorbehalt“ gemäß Art. 62
Abs.5 der Verfassung von Berlin direkt auf den Kopf gestellt. Nicht die Bürger
wollten durch das Volksbegehren den Haushalt ausplündern, sondern
im Gegenteil erreichen, dass dieser nicht noch mehr durch die Bankgesellschaft
und den Senat ruiniert und alles auf die Schultern der Berliner Steuerzahler
abgeladen wird. Ist es das, was Rot-Rot unter "Stärkung der demokratischen
Mitwirkungsrechte der Bürgerinnen und Bürger" (siehe Koalitionsvertrag
2002) versteht?
Wohl kaum ein Volks- oder Bürgerbegehren wird nicht in irgendeiner Form
den Haushalt betreffen. Gerade dort, wo es für uns Bürger wichtig wäre,
nämlich auf Landesebene über die Richtung der Politik zu entscheiden,
sind unsere Möglichkeiten derart eng gefasst, dass es in Berlin noch nie zu
einem Volksentscheid gekommen ist. Es darf bezweifelt werden, dass die
vom Senat als Wahlkampfaktion geplante Aufwertung von Volksbegehren
auch relevante Eingriffe in die Haushaltshoheit des Parlaments zulassen
wird.

11. Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe

Während der SPD-CDU-Koalition wurden die Berliner Wasserbetriebe teilprivatisiert.
Den privaten Investoren (RWE und Veolia Waters) wurden
marktunüblich hohe Renditen in Höhe von ca. 8% garantiert. Die PDS bezeichnete
dieses Gesetz damals noch als verfassungswidrig, da die Renditen
aus den (Zwangs-)Gebühren der Berlinerinnen und Berliner finanziert
werden. Um diese Renditen zu erzielen, sind seitdem die Wassergebühren
um ca. 25 % gestiegen. Um die Ansprüche der Investoren auch weiterhin
zu garantieren, änderte der SPD-PDS-Senat dann das Teilprivatisierungsgesetz.
Infolge dieser Änderung werden die Investitionen ab 2006 von geplanten
250 Millionen Euro auf 200 Millionen Euro jährlich abgesenkt, da
das "betriebsnotwendige Kapital" (also die Investitionen) die Bemessungsgrundlage
zur Bestimmung der Rendite für die privaten Investoren darstellt.
SPD und PDS wollen den Preisanstieg begrenzen, indem weniger investiert
wird. Zudem verzichtet das Land zugunsten der Investoren auf Gewinnanteile.
Der Vorsitzende der Berliner Linkspartei.PDS, Klaus Lederer,
redet diesen Skandal wie folgt schön: „Wir überprüfen die geplanten Investitionen
auf die Notwendigkeit.“ Solche Tendenzen verlaufen erfahrungsgemäß
zu Lasten der Wartung an den Frisch- und Abwassernetzen.

12. Linkspartei.PDS will Industrie bei Wasserpreisen entlasten

Wirtschaftsenator Harald Wolf (Linkspartei.PDS) plant in Zusammenarbeit
mit der Industrie- und Handelskammer die Aufspaltung des einheitlichen
Wassertarifes in einen Grund- und Arbeitspreis, um so die Voraussetzung
für Mengenrabatte für Großkunden und insbesondere die Industrie zu
schaffen. Für Mieter kleinerer Häuser, Einfamilienhausbesitzer und Kleinfamilien
würde dies zusätzliche Wasserkosten von bis zu 30% bedeuten.
Bislang scheiterte Wolfs Vorstoß an der Novellierung des Teilprivatisierungsgesetzes,
dass in § 3 Mengenrabatte ausschließt. Sollte die Aufspaltung
des Tarifes erst einmal erfolgt sein, besteht für die privaten Investoren
die Möglichkeit, die zukünftigen Einnahmen aus dem Grundpreis auf den
Kapitalmärkten zu verkaufen. Dann wäre aber ein Rückkauf der Wasserbetriebe
ausgeschlossen. Die Forderung nach Rekommunalisierung – wie in
Potsdam bereits geschehen - wurde bisher von SPD und Linkspartei.PDS
abgelehnt, obwohl nachgewiesen werden konnte, dass dies für das Land
langfristig deutlich günstiger wäre. Wasser ist kein Spekulationsobjekt und
darf für den Endverbraucher nicht zum „Luxusartikel“ werden.
13. Verkauf des landeseigenen Wohnungsbestandes
Mit dem Verkauf der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GSW (65.000
Wohnungen) setzte der SPD-PDS-Senat die Politik der Wohnungsprivatisierung
des SPD-CDU-Senats fort. Zusätzlich verkauften alle landeseigenen
Gesellschaften nach Senatsangaben seit 2003 über 30.000 weitere
Wohnungen. Hinzu kommen über 5.000 Wohnungen der landeseigenen
BVG. Im Jahr 2006 wollen die Wohnungsbaugesellschaften weitere 16.000
Wohnungen verscherbeln. In weniger als 5 Jahren werden SPD und Linkspartei.
PDS weit über 100.000 öffentliche Wohnungen unwiederbringlich
verschleudert haben. In den Bezirken Spandau und Reinickendorf besitzt
der GSW-Käufer, der US-amerikanische Investor „Cerberus“, nunmehr mit
über 10% aller Wohnungen eine deutliche Marktmacht. Hier werden die
Mieten zukünftig steigen. Wohnungen in guten Wohnlagen werden privatisiert,
die räumliche Spaltung der Stadt nimmt dramatisch zu. Einkommensschwache
Mieter werden in die Randlagen verdrängt. Zudem plant der
Senat den Verkauf der Gewerbesiedlungsgesellschaft (GSG). Die GSG
bietet günstige Gewerberäume für nahezu 1.000 kleine Unternehmen mit
fast 12.000 Beschäftigten. Viele Betriebe werden die zu erwartenden Mieterhöhungen
nicht überleben.

14. Mietspiegel gegen Protest der Mietervereine beschlossen

Der Senat hat den Mietspiegel – als erster Berliner Senat überhaupt – 2003
und 2005 gegen den Protest der Mieterorganisationen beschlossen. Ein-zelne, besonders teure Wohnungen, die früher bei der Ermittlung der ortsüblichen
Miete ausgesiebt worden waren, fließen nun in die Berechnung
ein. Der Mietspiegel dient als Maßstab für zukünftige Mieterhöhungen. Der
Landesverband freier Wohnungsunternehmen bezifferte 2003 in seiner
Verbandszeitschrift das dadurch gewonnene zusätzliche Mieterhöhungspotenzial
mit ca. 50 Millionen Euro.

15. Deutliche Reduzierung des Blindengeldes

Das Blindengeld wurde um 20% von 585 auf 468 Euro gekürzt. Beim Blindengeld
für Erwachsene rutscht Berlin damit im Vergleich der Bundesländer
vom ersten auf den zehnten Platz ab.

16. Abschaffung der Lehrmittelfreiheit an den Berliner Schulen

Pro Jahr und Kind müssen sich Eltern seit 2004 mit bis zu 100 Euro an den
Lehrmitteln beteiligen. Die so geplante Einsparung von 15 bis 20 Mio. Euro
pro Jahr, ausgerechnet im Bereich Bildung, ist angesichts der rund 60 Mrd.
Euro Berliner Gesamtschulden zynisch und schafft lediglich zunehmende
Belastungen für Familien in Berlin. Rechtfertigungen wie "Schüler achten
jetzt mehr auf ihre Schulbücher, da sie sie am Schuljahresende verkaufen
möchten", halten wir für erbärmlich.

17. Erhöhung der Kita-Gebühren

Von der Erhöhung der Kita-Gebühren sind nur Geringverdiener unter
22.500 Euro Jahresbrutto weitgehend ausgenommen. Eine Familie mit
einem Bruttoverdienst von 2.195 Euro im Monat muss im Krippenbereich
fast 40 Prozent mehr zahlen, im Kita-Bereich 22 Prozent und im Hort immer
noch 17 Prozent mehr als zuvor. Diese starken Erhöhungen ergeben
sich durch einen neuen Zeittarif, der eine Ganztagsbetreuung besonders
teuer macht. Viele Eltern werden so genötigt, ihre Kinder nur halbtags
betreuen zu lassen. Das für 2007 angekündigte kostenfreie Kita-Jahr wirkt
vor dem Hintergrund der Kürzungen unglaubwürdig.

18. Streichung von Referendariatsstellen

Mit der für 2005 und 2006 vorgenommenen Kürzung von 400 Referendariatsstellen
für angehende Lehrer hat der Senat gegen seine eigene Bedarfsplanung
verstoßen und eine in den letzten zehn Jahren nicht da gewesene
Verschärfung der Einstellungssituation an Berliner Schulen herbeigeführt.
Immer mehr angehende Lehrerinnen und Lehrer geraten in eine
Notsituation, da sich die Wartezeiten zwischen Abschluss des 1. Staatsexamens
und Beginn des Referendariats drastisch erhöht haben. Nicht ver-wunderlich, dass in keinem anderen Bundesland der Weggang ausgebildeter
Lehramtsstudenten in andere Bundesländer, die mit voller Stelle und
12% mehr Gehalt locken, höher ist.

19. Erhöhung der Lehrerarbeitszeit um zwei Unterrichtsstunden

Der SPD/PDS-Senat erhöhte die Arbeitszeit der Berliner Lehrer um zwei
Unterrichtsstunden pro Woche. Diese Arbeitsverdichtung führt zu einer
nachhaltigen Verschlechterung des Unterrichts und senkt die zeitlichen
Möglichkeiten für notwendige pädagogische Projekte außerhalb der Unterrichtszeit.

20. Kürzungen der Hilfen zur Erziehung

Die Hilfen zur Erziehung wurden seit 2002 vom SPD-PDS-Senat bereits
um 128 Millionen Euro gekürzt. Geht es nach den Plänen des Senats, werden
in den nächsten beiden Jahren weitere 33 Millionen Euro gestrichen.
Damit werden SPD und PDS über 40% der Hilfen des Jahres 2002 eingespart
haben. Betroffen sind u.a. die Kinder von Alkoholikern und psychisch
Kranken, deren Anteil in Berlin so hoch ist wie in keiner anderen Stadt
Deutschlands. Bis 2007 werden statt 21.500 nur noch 8.400 Fälle betreut.

21. Kürzungen von 75 Mio. Euro im Universitätsbereich


Von 2006 bis 2009 werden die Zuschüsse an die drei Berliner Universitäten
um 75 Millionen Euro netto gekürzt (brutto: 98 Millionen Euro). Aufgrund
der Kürzungen, die zu den heftigsten Studierendenstreiks und Protesten
(mit Unterstützung der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes) seit der
Wiedervereinigung führten, wurden 10.000 Studienplätze und 216 Professorenstellen
(von 1.089 Stellen ohne Hochschulmedizin) abgebaut. Durch
Rechentricks versucht Wissenschaftssenator Thomas Flierl (Linkspartei.
PDS), den Eindruck zu erwecken, dass sich die Studienplatzzahl bis
2009 nur um 1.000 Plätze verringert.

22. Erhöhung des Gewerbesteuerhebesatzes wird abgelehnt

Eine Erhöhung des Gewerbesteuerhebesatzes auf Potsdamer Niveau von
410% auf 450% brächte Mehreinnahmen von 70 Millionen Euro jährlich
(nach Verrechnung im Länderfinanzausgleich). SPD- wie Linkspartei.PDSFraktion
lehnten diesen Vorschlag des Finanzsenators ab.

23. Weniger Investitionen – Niedergang der Wirtschaftskraft

Seit 1991 stieg das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 18,8%, in Berlin sank es hingegen um 1,7%. Bis zum Beginn der Sparpolitik 1995 hielt Berlin
noch Anschluss an die allgemeine Wachstumsentwicklung. Der SPDPDS-
Senat will die öffentlichen Investitionen bis 2008 auf 76% des Hamburger
Niveaus absenken. Die Investitionsquote (Anteil der Investitionen
am Haushalt) beträgt 2006 ca. 9%. Im Durchschnitt der Jahre 1995 bis
2001 waren es mehr als 12% (1991 gar über 19%). Schulen und Straßen
sind in einem maroden Zustand, trotzdem wird nicht investiert. Der
SPD/PDS-Senat investiert heute nur noch halb soviel wie 1995 in die Infrastruktur
der Stadt.

24. Streichungen im Kulturbereich

Die dezentrale Kulturförderung leidet seit vielen Jahren unter Kürzungen.
Davon betroffen sind vor allem Jugendliche, Menschen mit Migrationshintergrund
und Senioren, deren Möglichkeiten zur aktiven Teilnahme am
kulturellen Leben unter der rot-roten Koalition deutlich geschrumpft sind. Es
ist nicht gelungen, die Kooperation der großen kulturellen Institutionen mit
den Schulen und anderen Bildungsträgern auszubauen. Als vorbildlich
dafür galt die musikpädagogische Arbeit der Berliner Symphoniker, deren
Zuschüsse gestrichen wurden. Nie zuvor wurden in Berlin so viele Stadtteilbibliotheken
geschlossen wie in den letzten 5 Jahren.

25. Zustimmung Berlins im Bundesrat zur EU-Verfassung

Der Koalitionsvertrag sieht bei Meinungsverschiedenheiten eine Enthaltung
Berlins vor. Die PDS-Mitglieder im Senat gaben der SPD grünes Licht für
die Zustimmung des Landes Berlin zu einer EU-Verfassung, die Neoliberalismus,
Aufrüstung und Sozialabbau festschreibt.

26. Defensive Normenkontrollklage in Karlsruhe

Die Normenkontrollklage des Senats in Karlsruhe auf 35 Milliarden Euro
Bundeshilfe zur Entschuldung ist zwar richtig, aber extrem defensiv angelegt.
Die Klage berücksichtigt nicht angemessen die unverantwortliche Reduzierung
der Bundeshilfe nach 1990 und die bis heute wirkenden teilungsbedingten
Sonderlasten (Wohnungsbauförderung, Personal- und
Pensionslasten, Städtebaukosten für Ostberlin). Die Höhe der Forderung
von 35 Milliarden Euro beruht nicht auf Berechnungen, sondern wurde
willkürlich festgelegt. Selbst wenn Berlin diesen Betrag vom Bund erhalten
würde, müsste das Ausgabenniveau Berlins kontinuierlich weiter abgesenkt
werden (auch aufgrund des Wegfalls der Solidarpaktmittel II). Die skizzierten
Sozialkürzungen wären erst der Auftakt. Im Jugendbereich erfüllt Berlin
schon jetzt z.T. seine rechtlichen Verpflichtungen nach dem Kinder- und
Jugendhilfegesetz (KJHG) nicht mehr. Dabei machen andere vor, was möglich ist: Höchst bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die offensive
Begründung des Saarlandes in der aktuellen allgemeinen Normenkontrollklage
auf Fortführung der besonderen Bundeshilfen. Aus wirtschaftspolitischen
Erwägungen lehnt das Saarland einen radikalen Sparkurs
ab und wirft dem Bund vor, keine geeigneten Maßnahmen ergriffen zu
haben, um die strukturelle Schieflage des saarländischen Haushaltes zu
verbessern.

27. Kritikwürdig finden wir auch, dass

• persönliche Freiheiten durch die polizeiähnlichen Streifen des Ordnungsamtes
beschnitten werden.
• die Berliner Polizei eine zunehmend unverhältnismäßige Praxis und Gewaltanwendung
vollzieht.
• noch immer keine individuelle Kennzeichnungspflicht für Polizisten besteht,
obwohl im Koalitionsvertrag festgeschrieben.
• der Senat die Zuschüsse für die BVG schrittweise reduziert und schließlich
ganz einstellen will.
• Akkord arbeitende private Kontrolleure der BVG die Fahrgäste belästigen.
• der Autobahnring in den Friedrichshain fortgesetzt werden soll.
• ehemals öffentliche Gebäude abgerissen oder verscherbelt werden, obwohl
es großes Interesse an deren öffentlicher Nutzung gibt.
• Bezirksregierungen erpresst werden, Wagenburgen und Hausprojekte zu
räumen.
• Grünflächen eingezäunt werden, ohne Alternativen zu berücksichtigen.
• der Senat entgegen der mehrheitlichen Meinung der Berlinerinnen und
Berliner, den Palast der Republik zu erhalten, durch Auftragsvergabe und
Baustelleneinrichtung vollendete Tatsachen geschaffen hat, noch vor der
abschließenden Bundestagsabstimmung.
• die massenweise Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen weitgehend
kritiklos abläuft und sogar noch gefördert wird.
• die Stadt mit Bebauungsplänen, die vorrangig nach den Interessen der
Immobilienbranche erstellt wurden, in Zukunft mehr und mehr verschandelt
wird.

Herausgeber:
Landesarbeitsgemeinschaft Berlinpolitik der WASG Berlin

Neue Grünstr. 17, 10179 Berlin, Tel.: 030-24 72 39 18, Fax: 030-24 78 12 37
www.wasg-berlin.de
V.i.S.d.P.: F. Schreiber
Redaktion und Mitarbeit:
Michael Hammerbacher, Carsten Joost, Manfred Kopf, Andreas Lüdecke, Doris
Pütsch, Michael Schilwa
Kontakt zur LAG Berlinpolitik:
Michael Hammerbacher 0177-799 35 39
Berlin, Januar 2006
Letzte Aktualisierung ( 02.01.2007 )
 
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