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Debatte / Positionen
Stellungnahme der SAV zum Parteibildungsprozess und den Aufgaben des Netzwerks Linke Opposition Drucken E-Mail
Strategie / Taktik
07.09.2006

sav-logoWir sind GegnerInnen einer bedingungslosen Fusion von WASG und LPDS und werden einer solchen nicht zustimmen. Wir haben immer dafür argumentiert, dass eine "Neue Linke" inhaltliche Mindestkriterien erfüllen muss und mehr sein muss als eine Addition von WASG und LPDS. Wir haben uns insbesondere für die gleichberechtigte Einbeziehung von AktivistInnen, die in keiner der beiden Parteien sind, in den Neuformierungsprozess eingesetzt.
Zu den inhaltlichen Mindestkriterien müssen aus unserer Sicht u.a. jegliche Ablehnung von Sozialabbau, Privatisierungen, Arbeitsplatzvernichtung, Tarifflucht in jeder Form und auf allen Ebenen gehören. Das beinhaltet ein Ausschluss von Regierungskoalitionen mit neoliberalen Parteien auf allen Ebenen, die zu solchen Maßnahmen führen.
Wir haben uns innerhalb der WASG für ein antikapitalistisches und sozialistisches Programm eingesetzt, das den Kampf um die konkreten Forderungen der Partei mit der Perspektive einer Gesellschaft, die nicht auf Privateigentum an Produktionsmitteln, Profitlogik und Marktkonkurrenz aufgebaut ist, verbindet.

Letzte Aktualisierung ( 18.01.2007 )
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Für eine neue Linke mit politischer Vielfalt! Für eine Linke mit antikapitalistischem Profil! Drucken E-Mail
Strategie / Taktik
29.08.2006

inge hoeger kleinDieses Land braucht eine neue Linke. Sind im Bundestag die Abgeordneten von WASG und Linkspartei.PDS die einzige vernehmbare und grundsätzliche Opposition, so muss die neue Linkspartei eine solche Kraft in allen gesellschaftlichen Bereichen werden. Partei heißt parteilich sein: für die Opfer der neoliberalen Politik, für Menschen, die Angst vor Krieg und Armut haben, für die Jugend, die eine neue Zukunftsperspektive erwartet, für die Nicht-Deutschen, die in diesem Land solidarisch aufgenommen werden wollen.

Eine solche Linke darf und wird sich streiten, aber sie muss zu einheitlicher Aktion in der Lage sein. Eine solche Linke muss realistische und umsetzbare Politik machen, aber sie darf nicht angepasst sein. Deshalb lohnt es, die Auseinandersetzung um Programm und Struktur der neuen Linken Partei zu führen. Die neue Linke muss mit eindeutigen und klaren politischen Inhalten und Forderungen identifiziert werden. Inhalte, die von keiner anderen Partei vertreten werden.

Ziele für die es sich zu kämpfen lohnt bzw. die ins Programm der neuen Linken gehören:

Letzte Aktualisierung ( 18.01.2007 )
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Zum Programm für eine neue Linke: Forderungen, für die es sich zu kämpfen lohnt! Drucken E-Mail
Ziele / Programmatik
13.08.2006

puzzleDer nachstehende Beitrag soll in die Programmdebatte zur Bildung einer neuen Linkspartei  und auf der Herbstkonferenz des Netzwerks Linke Opposition eingebracht werden.


Die weltweite neoliberale Reorganisation des Kapitalismus hat auch in Deutschland die Illusionen vieler Menschen, dass die sozialen Errungenschaften, die demokratischen Rechte und der Verzicht auf Krieg als Mittel der Politik dauerhaft in einem kapitalistischen System gesichert werden könnten, zerstört. Täglich zeigt sich wie die Logik des Klassenkampfs die Lebensrealität der Menschen bestimmt.

Letzte Aktualisierung ( 22.09.2006 )
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Für den Aufbau einer fest organisierten Linken Opposition in der WASG Drucken E-Mail
Strategie / Taktik
07.08.2006
Ich denke auch, dass es höchste Zeit ist, dass wir linken Oppositionellen in der WASG uns fester organisieren müssen, wollen wir das Abdriften jedes Einzelnen in alle Himmelsrichtungen verhindern. Noch entscheidet jeder für sich allein oder jede einzelne Gruppe, an welchem Zeitpunkt eine weitere Mitarbeit in der WASG für die Emanzipation der Arbeiterklasse nichts mehr bringt. Das Ergebnis wird die weitere Zersplitterung und Schwächung der linken Opposition sein.
 
Dieser Schritt war schon früher notwendig. Dann hätten wir den Lu. Parteitag nicht "zwischen Tür und Angel in Ma. vorbereiten müssen, wären disziplinierter aufgetreten und hätten wahrscheinlich nicht dieses Desaster erlebt, dass wir vielleicht 70% waren und nur 45% Stimmen erhalten haben. Daraus gilt es zu lernen.
Letzte Aktualisierung ( 18.01.2007 )
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WASG/PDS: Es geht - voran??? Drucken E-Mail
Strategie / Taktik
27.07.2006

Nachdem die Vorstände von WASG und PDS den eigenständigen Wahlantritt der  Berliner WASG nicht verhindern konnten, versuchen Lafontaine und andere Bundestagsabgeordnete, aber auch die PDS-Linken um die Kommunistische Plattform mit dem "Aufruf zu Gründung einer neuen Linken", ihre Unterstützung der PDS-Politik in  Berlin durch "anti-kapitalistische" Manifestationen politisch abzudecken.

Welche Partei die PDS aber wirklich ist, zeigt sich gerade an der Reaktion darauf. Kurz nachdem Lafontaine sein Manifest veröffentlicht hatte, meldeten sich Abgeordnete aus Sachsen zu Wort, die ihm wegen seiner Positionierung gegen Privatisierungen des "Staatsfetischismus" bezichtigten. Kein Wunder, hat doch die Mehrheit der Dresdener PDSler vor wenigen Monaten selbst der Verscherbelung der öffentlichen Wohnbaugesellschaft der Stadt an private Spekulanten zugestimmt.

Letzte Aktualisierung ( 18.01.2007 )
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Ein linkes Netzwerk ? Drucken E-Mail
Strategie / Taktik
15.06.2006
Nach dem Parteitag in Ludwigshafen ist klar, daß die WASG keine wirksame Korrektur für die Politik der Linkspartei. PDS sein kann und will. Die Delegierten sind der Regie der Parteiführung, Ulrich Maurers und Oskar Lafontaines gefolgt und haben ihnen freie Hand gegeben, mit allen juristisch möglichen Mitteln den Wahlantritt der WASG Landesverbände MV und Berlin zu verhindern.

Der Bundesvorstand setzt diesen „Sieg“ über etwa 40% der Delegierten zielstrebig um.

Viele WASG Mitglieder sind der Meinung, nun sei der Weg zur Neuen Linken endlich frei und man könne sich der politischen Arbeit, der Auseinandersetzung mit den Neoliberalen endlich mit voller Kraft widmen.

Ihnen ist nicht klar, daß bereits in Ludwigshafen die entscheidende Auseinandersetzung mit den Neoliberalen verloren wurde, die mit den Neoliberalen in den eigenen Reihen. Klaus Ernst, Thomas Händel, Christine Buchholz, Axel Troost etc. handeln das Berliner Diskussionspapier als akzeptable Grundlage für einen gemeisamen Wahlantritt mit der L.PDS Berlin.

Die L.PDS selbst bezeichnet die auf diesem Papier aufgelisteten Positionen als die Fortführung ihrer bisherigen Politik mit der SPD. Diese Politik des „Weiter so“, des „kleineren Übels“ ist somit 1 ½ Jahre nach der Gründung – die genau gegen die Fortführung der unerträglichen Politik des kleineren Übels mit der SPD gerichtet war - nun mehrheitlich in der WASG akzeptiert. Und abgelehnt ist in ihr das klar antineoliberale Programm der Berliner WASG, das mit der DKP,  den abhängig Beschäftigten, den Arbeitslosen und anderen Berliner Initiativen erarbeitet wurde. Während die Berliner WASG den sozialen Protest in Berlin also breit einbezieht, genügt Ernst & Co. die L.PDS als Partner.

Viele liessen und lassen sich in beiden Punkten offensichtlich täuschen durch die monatelange systematische Diffamierung der Berliner WASG als „Sektierer“, „Trotzkisten“, „Spalter“. Damit blenden sie aus, daß es die 2 zentralen inhaltlichen WASG - Positionen sind, die da diffamiert wurden: 1. keine Regierungsbeteiligungen, wenn sie nicht zu einer Wende im Sinne unserer Positionen führt und 2. Bildung einer breiten linken Partei zusammen mit den sozialen Bewegungen. Beide Positionen wurden in Ludwigshafen abgewählt.

Neben dem politisch – inhaltlichen Rechtsschwenk, den die WASG in Ludwigshafen vollzogen hat, haben die Delegierten dort das Kunststück abgeliefert, mit einem Ermächtigungsbeschluss die eigene Satzung auszuhebeln. Dass der BuVo das mit allen Mitteln anstrebte war klar, aber daß die Delegierten da mitspielten, das zeigt, daß die WASG nicht in der Lage ist, einfache demokratische Regeln zu schätzen und zu nutzen. Die Delegierten ermächtigten den Vorstand, seine Positionen in der Partei mit administrativen Maßnahmen gegen ganze Landesverbände durchzusetzen. Das ist Ausdruck von Kadermentalität in der WASG - Mehrheit und eine offensichtliche Absage an innerparteiliche Demokratie. Führer macht nur, wir folgen !

Als letzten Sargnagel für die WASG beschlossen die Delegierten in Ludwigshafen, die Doppelmitgliedschaften bis Ende 2007 zuzulassen. Damit ist die in Ludwigshafen vollzogene Anpassung der WASG an politische Inhalte und Strategie sowie innerparteiliche Methoden der Linkspartei.PDS nicht mehr zu korrigieren und endgültig. Die WASG wird bruchlos bei der Parteineubildung in der L.PDS aufgehen. Denn Kreis- oder Landesverbände, die jetzt noch aufmucken wollen, können mit Hilfe von eintretenden Doppelmitgliedern ganz demokratisch übernommen werden.

Das sind – entgegen allen radikalen Reden von Oskar Lafontaine und anderen -  nach Ludwigshafen die Fakten in der WASG.

Wer diese Einschätzung nicht teilt, sollte sich noch einmal in Ruhe vor Augen führen, wie die Entwicklung in den letzten Monaten gewesen ist. Der Konflikt zwischen der bundesweiten Opposition in der WASG und der ebenso bundesweiten Anhängerschaft des BuVo spitzte sich folgerichtig auf die Auseinandersetzung um die Kandidatur der Berliner zu. Berlin war nicht - wie der BuVo suggerierte - ein Sonderfall, sondern Berlin war der exemplarische Fall, an dem die WASG Farbe bekennen musste, wie sie es mit der praktischen Politik halten will.

Entsprechend hart war die Auseinandersetzung. Beiden Flügeln in der WASG war Wochen vor Ludwigshafen klar, daß hier die Entscheidung über die Zukunft der WASG fällt. Beide Flügel haben alles in ihrer Kraft stehende getan, um eine Entscheidung in Ihrem Sinne herbeizuführen.

Nun, die Entscheidung ist gefallen – so,  wie ich es mir für den schlimmsten Fall nicht vorgestellt hatte.

Deswegen war ich, je länger ich darüber nachdenke, um so irritierter über die Grundstimmung in Kassel beim Treffen der WASG Opposition. In vielen Beiträgen gab es Aufforderungen wie: bleibt in der WASG ! jetzt erst recht ! Das Spiel dauert 90 Minuten und vor dem Schlußpfiff hören wir nicht auf ! In der Abschlusserklärung von Kassel heißt es:

„Wir wollen Ernst machen mit dem Anspruch, eine neue Art von Partei zu schaffen, die von unten nach oben aufgebaut wird...

Wir verstehen unter Parteineubildung das parteiübergreifende Zusammenwachsen aller linken antineoliberalen Kräfte auf einer klaren inhaltlichen Basis in engster Verbindung mit den sozialen Bewegungen in allen Teilen der Gesellschaft. Politik verstehen wir in erster Linie als unmittelbare Aktivität in Betrieben, Schulen und Stadtvierteln, während parlamentarische Arbeit nur Teil und Ausdruck dieser Kämpfe sein kann...

Regierungsübernahmen kommen für uns nur in Frage, wenn wir für einen grundsätzlichen Politikwechsel über Mehrheiten verfügen und keine Kompromisse mit unseren substanziellen Inhalten eingehen müssen...

Wir wollen eine linke Partei, die auf allen Ebenen gegen Sozialabbau, Privatisierungen, Stellenstreichungen und Lohnkürzungen kämpft,

die den unterschiedlichen Auffassungen der Linken Raum lässt und Widersprüche aushält...

Bleibt in der WASG und kämpft mit uns !...“

Diese Forderungen wurden unverdrossen gestellt, als habe es den Schlusspfiff noch nicht gegeben, als sei der Zug nicht abgefahren, als habe es Ludwigshafen und den Weg dahin nicht gegeben.

I N  der WASG und der L.PDS - ebenso  i n  der bald fusionierten Neuen Linkspartei - haben all diese Forderungen auf längere Zeit, höchstwahrscheinlich auf Dauer, keinerlei Chance  – ob nun die Zusammenarbeit der Oppositionellen aus beiden Parteien gelingt oder nicht: da die Opposition in der L.PDS noch viel kleiner ist als ist in der WASG und es nach den gemachten Erfahrungen keinerlei Grund gibt, an der Entschlossenheit und Skrupellosigkeit der Führungsriegen zu zweifeln, ihren einmal errungenen Sieg im Parteibildungsprozess zu behaupten.

Wohl aber könnten diese Forderungen erste Plattform werden für ein linkes Netzwerk, das sich 
u n a b h ä n g i g  vom weiteren Schicksal der WASG und L.PDS entwickelt. Diese Netzwerk wird auch angesprochen in der Kasseler Abschlusserklärung:

„Die Konferenzteilnehmer sehen in den autoritären Maßnahmen des Bundesvorstands und den knappen Mehrheiten auf dem Bundesparteitag keinen Anlass zu Resignation oder Rückzug, sondern einen Grund mehr, die Gründungsziele der WASG durch eine öffentlich sichtbare Vernetzung des Widerstands in WASG und L.PDS gemeinsam zu verteidigen und zu stärken. Dabei wollen wir alle einbeziehen, die diesen Parteien noch nicht oder nicht mehr angehören. Dieses Netzwerk engagiert sich für eine Vereinigung der Linken auf antineoliberaler Grundlage...

Die Konferenzteilnehmer unterstützen den Aufbau eines parteiübergreifenden Netzwerks aller an der linken antineoliberalen Neuformierung interessierten Menschen. Unsere Arbeitsgruppen verstehen wir als offene Angebote, gemeinsam Inhalte und Ziele  der Bewegung zu erarbeiten...“

Die Führungsriegen in WASG und L.PDS sind fest entschlossen, den Anteil an Macht und Posten anzunehmen, den das neoliberale System an sie zu vergeben hat. In Berlin und MV zeigen sie, daß sie dafür ihre grundlegenden politischen Inhalte hemmungslos verkaufen.

Aber ein parteiunabhängiges linkes Netzwerk ist eine Chance.

Was braucht das Netzwerk, um diese Chance zu nutzen ? Als erstes, daß es sich entschlossen von dem gescheiterten Parteineubildungsprozess abwendet  und sich selbst als echte Chance begreift.

(Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: der Wahlantritt der WASG (oder BASG) in Berlin sollte unbedingt und mit allen möglichen Kräften unterstützt werden, sodaß er ein großer Wahlerfog wird und eine gründliche Schlappe für die L.PDS Berlin. Doch auch in dem Fall schätze ich die Situation so ein, daß dadurch die Turbofusion inhaltlich in keiner Weise zu korrigieren ist)

Ist uns nicht die ganze Zeit beim Aufbau der WASG immer wieder die massive Verdrossenheit an Parteipolitik aus der Bevölkerung entgegen gekommen ? Zeigt sich die Unzeitgemäßheit dieser Parteigründung nicht auch deutlich am hohen Durchschnittsalter und der geringen Frauenbeteiligung in der WASG ? Entspricht unserer Zeit die Struktur eines Netzwerks möglicherweise viel mehr als die vor über 100 Jahren entstandene Parteistruktur ? Zumal unsere deutsche Parteiendemokratie inzwischen vollkommen korrumpiert ist (Man lese dazu Hans Herbert von Arnims sorgfältige und faktengesättigte Analyse „Das System“). Entspricht ein Netzwerk nicht  auch viel mehr den Strukturvorstellungen, die vielen Oppositionellen - in beiden Parteien - am Herzen liegen: offen, breit, transparent, basisdemokratisch ? Weniger an Hierarchie, Rechten und Pflichten, Parteidisziplin als an Selbstverantwortung, Solidarität und effektiver Kommunikation und Organisation interessiert.

Die von WASG Mitgliedern gegründete Bildungsgemeinschaft SALZ e.V. www.bildungsgemeinschaft-salz.de , die das Kasseler Oppositionellentreffen mitorganisiert hatte und dort Thema einer AG war, bietet sich mir gegenwärtig als seit einem Jahr bestehende Struktur für den Aufbau eines linken parteiunabhängigen Netzwerks an, inhaltlich wie personell. Man sehe sich Struktur (Satzung), Inhalte und beteiligte Personen auf der Website an. In diesem Netzwerk scheint mir eine sinnvolle Fortführung vernetzter politischer Arbeit möglich. Vor Ort können Bildungskreise zu den jeweils gewählten Themen gebildet werden,  laufende Projekte als Bildungskreise fortgeführt werden, überregionale Projekte können initiiert, koordiniert und unterstützt werden. Ohne Zeitdruck kann in diesem Netzwerk die Basis verbreitert werden und wachsen. Auf solch solider Grundlage praktischer Zusammenarbeit kann aufgebaut werden.

von Joga Twickel
Letzte Aktualisierung ( 18.01.2007 )
 
Die Linke und Regierungsbeteiligung Drucken E-Mail
Strategie / Taktik
15.06.2006
Frankreich vor 25 Jahren – Die Lehren der Mitterand-Regierung

Vor 25 Jahren fand in Frankreich ein politischer Erdrutsch statt. Die Linke, ein Zusammenschluss der Sozialistischen und der Kommunistischen Partei, gewann im Frühsommer 1981 mit einer beeindruckenden Mehrheit von 56 Prozent die Wahlen zur Nationalversammlung. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in Frankreich eine linke Regierung gewählt. Doch nur drei Jahre später gingen ArbeiterInnen auf die Straße, um gegen die Politik dieser Regierung zu protestieren. Bei den Parlamentswahlen im März 1986 verloren die linken Parteien 15 Prozent der Stimmen und damit ihre Mehrheit. Für die Linke, nicht nur in Frankreich, stellt sich auch heute noch die Frage, wie das passieren konnte und warum dieser von Mitterand als „französischer Weg zum Sozialismus“ bezeichnete Versuch scheiterte.
Der Wahlsieg und das radikale Programm der linken Regierung in Frankreich 1981 muss vor dem Hintergrund der damaligen internationalen Ereignisse gesehen werden. In vielen Ländern Europas fand eine Radikalisierung statt. In Portugal, Spanien und Griechenland hatte die Arbeiterbewegung Mitte der siebziger Jahre die dortigen Diktaturen durch revolutionäre Massenaufstände stürzen können. In Frankreich war die Erinnerung an die Ziele der revolutionären Bewegung von 1968 zu Beginn der achtziger Jahre noch lebendig und eine neue Generation von AktivistInnen belebte den politischen Kampf mit neuer Kraft. In Deutschland fanden die Anti-AKW-Bewegung und die Proteste gegen atomare Aufrüstung einen politischen Ausdruck in der Partei der Grünen. Zudem hatten marxistische Positionen viel Unterstützung bei den JungsozialistInnen in der SPD.

Massenunterstützung für Arbeitszeitverkürzung und Verstaatlichung

Im Frühsommer 1981 waren Hunderttausende von ArbeiterInnen und Jugendlichen in Frankreich auf der Straße, um voller Begeisterung den Sieg der Linken zu feiern. Denn diese hatte nicht nur die absolute Mehrheit bei den Parlamentswahlen errungen – ihr war es vor allem gelungen, die Arbeiterklasse, die Jugend und selbst große Teile der Mittelschichten hinter einem echten Reformprogramm zu sammeln. Die Sozialistische Partei war bei den Wahlen mit einem Programm angetreten, welches höhere Löhne und Renten, eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit und die Verstaatlichung von elf großen Konzernen und Banken forderte.

Nur kurze Zeit vor den Parlamentswahlen war Mitterrand, der sich damals als Sozialist präsentierte, zum Staatspräsidenten gewählt worden. Nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten hatte Mitterand unter dem Druck der Erwartungen seiner WählerInnen damit begonnen, reale Verbesserungen für ArbeiterInnen und Jugendliche durchzusetzen. Ein Mindestlohn wurde eingeführt, Renten und Wohnbeihilfen erhöht und die Rechte von ImmigrantInnen gestärkt. Diese Politik konnte skeptische ArbeiterInnen und Jugendliche, aber auch große Teile der Mittelschichten, davon überzeugen, das die Linke wirklich entschlossen ist, ihr radikales Wahlprogramm umzusetzen. So gab es während des Wahlkampfs Umfragen, denen zufolge 70 Prozent der Bevölkerung im Falle eines Wahlsiegs der Linken einen massiven Anstieg des Lebensstandards erwartete.

Reformpolitik

Unmittelbar nach dem Regierungsantritt der Linken schienen sich diese Erwartungen auch zu erfüllen. So wurde der kurz zuvor eingeführte Mindestlohn um 20 Prozent angehoben, die Renten und auch die Beihilfen für Familien und für Behinderte erhöht, das Rentenalter auf 60 Jahre herabgesetzt und der gesetzlich vorgeschriebene bezahlte Urlaub von vier auf fünf Wochen verlängert. Zu den wichtigen Zielen gehörte die Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit von 7,8 Prozent (in der Bundesrepublik betrug die Arbeitslosenquote damals 4,7 Prozent).

Deshalb wurde die Arbeitszeit auf 39 Stunden in der Woche bei vollem Lohnausgleich gesenkt und Tausende von neuen Jobs im öffentlichen Dienst geschaffen. Die Mitspracherechte der Beschäftigten wurden im Betrieb deutlich verstärkt.

Zu dieser Reformpolitik gehörte auch die Verstaatlichung von fünf großen Industriekonzernen, zwei großen Finanzgesellschaften und von 39 Banken. Damit kontrollierten Regierung und Staat den Bankensektor, 80 Prozent der Stahlindustrie und 75 Prozent der Textilindustrie. Insgesamt hatte die Regierung die Kontrolle über in etwa ein Drittel der französischen Industrie. Damit wollten die Minister unter Mitterand eine bessere struktur- und wirtschaftspolitische Steuerung der Wirtschaft durch die Regierung ermöglichen.

Sabotage durch das Kapital

Diese Politik stieß auf den Widerstand der Kapitalisten. Die Zeit des politischen Aufschwungs der Linken fiel zusammen mit einem weltweiten konjunkturellen Abschwung in der Wirtschaft. Der hatte übrigens schon vor dem Wahlsieg der Linken eingesetzt, und war nicht die Folge deren Politik, wie bis heute noch gerne von bürgerlichen Kommentatoren behauptet wird. Die Kapitaleigner fanden ihre Profite bedroht. Da sie trotz der Verstaatlichung von Teilen der Industrie und der Banken die letztendliche Kontrolle über die Wirtschaft behielten, hatten sie auch die Mittel, die Reformpolitik der Regierung zu sabotieren.

Zwar stieg in den Jahren 1981 und 1982 auf Grund von Lohn- und Rentenerhöhungen die Kaufkraft und damit auch die Nachfrage. Doch die Unternehmer weigerten sich, zu investieren und die Produktion auszuweiten, was dann auch zur Schaffung neuer Arbeitsplätze geführt hätte. Stattdessen setzte eine Kapitalflucht ins Ausland ein. Um die gestiegene Nachfrage befriedigen zu können, wurde verstärkt importiert, was wiederum das Handelsdefizit drastisch vergrößerte. Um die Importflut zu stoppen, wurde der Franc innerhalb kurzer Zeit dreimal abgewertet, was wiederum die Inflation auf 14 Prozent anheizte.

Als Reaktion auf den Investitionsstreik und Kapitalflucht der Unternehmerklasse legte die Regierung ein riesiges Programm auf, um die Wirtschaft anzukurbeln und das Kapital zum Investieren zu bewegen. Zum Beispiel erhöhte sie die Zuschüsse für Forschungsmittel (die natürlich auch an das Kapital gingen) um 700 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Es gab Staatssubventionen für Unternehmen, um den Export anzukurbeln oder als Hilfe, um auf dem französischen Markt bestehen zu können. Profiteinbußen von Unternehmen durch die Reformpolitik der Regierung wurden kompensiert. So bezahlte der Staat die Kosten für die Arbeitszeitreduzierung um eine Stunde, für die fünfte Urlaubswoche, und dafür, dass ein Unternehmen Jugendliche beschäftigte. Den Aktionären von verstaatlichten Betrieben wurden Entschädigungen in Höhe von 55 Milliarden Franc gezahlt, was ungefähr drei- bis viermal soviel war, wie der Staat durch zusätzliche Besteuerung von Unternehmen hereinholte. So stellte dann auch das französische Arbeitgeber-Magazin l‘Usine Nouvelle im Spätsommer 1982 fest: „(...) dass keine Regierung bisher so viel Geld freiwillig den Unternehmen zur Verfügung gestellt hat.“

Doch all diese Maßnahmen machten nur eines deutlich: Die Kapitalisten können nicht zu Investitionen gezwungen werden – es ist „ihr“ Kapital und es sind „ihre“ Fabriken und sie entscheiden, wo, wie und wieviel sie investieren wollen. Die Reformen der Regierung bedrohten die Profite der Unternehmen – und das konnten diese sich nicht gefallen lassen. Deshalb mussten sie aus ihrer Sicht dagegen ankämpfen.

Wegen der Wirtschaftskrise und der Sabotage durch die Herrschenden führte die Reformpolitik nicht dazu, die Arbeitslosigkeit zu senken. Im Gegenteil, zwischen Mai 1981 und Mai 1982 wuchs die Zahl der Arbeitslosen von 1,76 Millionen auf 2,1 Millionen Menschen!

Konzernherrschaft brechen...

Für die linke Regierung gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie setzt ihre Reformpolitik für die Interessen von abhängig Beschäftigten und Jugendlichen konsequent um – oder sie muss sich dem Willen und der Logik des Kapitals unterwerfen.

Ersteres hätte bedeutet, offensiv diejenigen, die diese Regierung gewählt haben, gegen die Machenschaften und die Erpressungspolitik der Unternehmer zu mobilisieren. Und zwar vom ersten Tag an – um der linken Regierung den Rücken zu stärken, Aktivitäten von ArbeiterInnen und Jugendlichen zu fördern und auf Angriffe des Kapitals vorbereitet zu sein.

Der Wahlerfolg hatte die Massen elektrisiert. SP und KPF hätten die Politisierung nutzen müssen, um in Stadtteilen, sowie auf stadtweiter und überregionaler Ebene regelmäßig Veranstaltungen durchzuführen. Dort hätte die Politik der neuen Regierung diskutiert und gegen die Vorwürfe seitens der bürgerlichen Medien Argumente gesammelt werden können. Darüber hinaus wäre es nötig gewesen, auf allen Ebenen Initiativen von unten zu fördern. Zentral wäre es gewesen, in den Staatsbetrieben und in den Betrieben, die in Staatshand übergingen, Arbeiterkontrolle und Verwaltung einzuführen. An Schulen und Universitäten hätten Komitees auf den Weg gebracht werden müssen, in denen SchülerInnen, Studierende und Lehrkräfte über Bildungsziele und Lernformen diskutieren und entscheiden können. Ähnliches hätte für andere Bereiche gelten müssen.

Konfrontiert mit den Maßnahmen der Unternehmer wären Aufrufe, der Kapitalflucht zum Beispiel durch Betriebsbesetzungen oder Streiks entgegenzutreten, bestimmt befolgt worden. Das hätte aber auch bedeutet, diese Mobilisierung zu nutzen, um nicht nur einen kleinen Teil, sondern alle Großbetriebe zu verstaatlichen und unter Arbeiterkontrolle und -verwaltung zu stellen. Mit der Reduzierung der Arbeitszeit – wie sie unter Mitterand geplant war – wäre es möglich gewesen, die Voraussetzungen dafür zu verbessern, die Lohnabhängigen in Diskussion und Entscheidungsfindung einzubringen.

Nur so wären die Schalthebel der wirtschaftlichen und damit auch der gesellschaftlichen Macht den Kapitalisten aus der Hand genommen und auf diese Weise die Grundlage für eine konsequente Politik im Interesse der Mehrheit der Menschen gelegt worden.

... oder den Rückzug antreten

Mitterrand und seine Regierung aus Sozialistischer und Kommunistischer Partei (SP und KPF) wählten den zweiten Weg. Im Juni 1982 vollzogen sie einen völligen Kurswechsel. Hintergrund war, dass das Außenhandelsdefizit auf 13 Milliarden Franc sowie das Haushaltsdefizit auf 117 Milliarden Franc angewachsen waren und die Investitionen in den ersten Monaten des Jahres um 5, 2 Prozent sanken. Deshalb gab der Ministerpräsident Pierre Maurois nun das Ziel aus: „Das Vertrauen der privaten Wirtschaft muss wieder hergestellt werden.“

Die Stabilisierung der kapitalistischen Wirtschaft wurde nun zum Schwerpunkt der Politik. Dieses Programm beinhaltete eine Reihe von Maßnahmen, die sich gegen die Interessen der Lohnabhängigen richteten. So beschloss die Regierung, die Löhne und Gehälter auf unbestimmte Zeit einzufrieren, obwohl im Vorjahr durch die Inflation die Preise schneller gestiegen waren als die Löhne. Preisindexklauseln in Lohntarifverträgen wurden verboten, und damit die bisher übliche Praxis, dass der Preisanstieg bei Lohnerhöhungen berücksichtigt wurde. Unter dem Druck der leeren Kassen gab es spürbare Ausgabenkürzungen im Haushalt und Leistungseinschränkungen im sozialen Bereich, vor allem bei der Arbeitslosenversicherung.

Gewerkschaftsspitzen geben klein bei


Die Führungen der Gewerkschaften akzeptierten das Einfrieren der Löhne und die anderen Maßnahmen. Nur die mit der Kommunistischen Partei verbundene Gewerkschaft CGT äußerte formal ihren Unmut, kooperierte in der Praxis aber ebenfalls mit der Regierung. Gleichzeitig wurden die ArbeiterInnen von Seiten der bürgerlichen Presse, aber auch von der Führung der SP und KPF, mit Argumenten bombardiert, warum diese Kürzungen angeblich notwendig seien. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Regierung immer noch enormes Ansehen bei ihren WählerInnen und viele ArbeiterInnen, Angestellte und Jugendliche sahen die ökonomische Krise als Erbe der ehemaligen bürgerlichen Regierung an. Sie waren bereit, der SP/KPF-Regierung Zeit zu geben – in der Hoffnung auf eine baldige Verbesserung der Lage. Deshalb gab es auch erst mal keine großen Proteste gegen die Regierung.

Im März 1983 wurde der Regierungskurs der „wirtschaftlichen Stabilisierung“ noch weiter verschärft, denn die so genannte Stabilisierungspolitik hatte bislang keinen Erfolg gezeigt. Im Gegenteil, die Inflationsrate war noch weiter angestiegen, die Zahl der Arbeitslosen erhöhte sich. Im Zuge von so genannten „Modernisierungsmaßnahmen“ in den Konzernen wurden die ArbeiterInnen im Bergbau, im Schiffbau und in der Autoindustrie mit massivem Arbeitsplatzabbau und sogar Schließungen konfrontiert – ohne dass neue Arbeitsplätze in anderen Bereichen geschaffen wurden.

Rolle der Kommunistischen Partei

Die KPF spielte in dieser Zeit eine heuchlerische Rolle. Sie war von 1981 an mit vier Ministern an der Regierung beteiligt. Während sie nach außen hin Kritik an der Regierung übte und sich zum Beispiel an den Protestdemos von KollegInnen gegen Entlassungen beteiligte, stimmten die vier KPF-Minister dem Programm zur „wirtschaftlichen Sanierung“ zu. Der damalige kommunistische Transportminister Charles Fiterman erklärte, dass die KPF in den guten Zeiten an der Regierung teilgenommen hätte und jetzt nicht plötzlich in einer schwierigen Phase desertieren könne. Gleichzeitig konnte sie ihre enge Verbindung zur kommunistisch geführten Gewerkschaft CGT ausnutzen, um die Kämpfe der ArbeiterInnen in den verschiedenen Industriezweigen voneinander zu isolieren und damit erfolgreiche Proteste zu verhindern.

Doch die zunehmende Unzufriedenheit an der Basis zwang die KPF-Führung, die Regierung im Sommer 1984 zu verlassen.

Die jetzt allein regierende Sozialistische Partei beschloss dann im September 1984 einen Haushaltsplan, der die arbeiterfeindliche Politik noch mal verschärfte. Die Regierungsausgaben wurden erneut um zwei Prozent gekürzt, öffentliche Investitionen um zehn Prozent gesenkt und der Etat für Bildung um 12,6 Prozent gestrichen. Die Arbeitslosigkeit stieg weiter auf fast drei Millionen im Jahr 1986. Jeder dritte Jugendliche unter 21 Jahren hatte keinen Job. 45 Prozent aller jungen Frauen unter 20 Jahren waren arbeitslos. Der Lebensstandard der ArbeiterInnen und Angestellten war gesunken – zwischen 1983 und 1986 hatten sie einen jährlichen Reallohnverlust von ein bis zwei Prozent hinzunehmen.

Scheitern der Regierung 1986

Bei den Parlamentswahlen am 16. März 1986 bekamen SP und KPF von ArbeiterInnen, Arbeitslosen und Jugendlichen den Denkzettel für ihre Politik verpasst. Mit Stimmverlusten von 15 Prozent steckten sie eine verheerende Niederlage ein. Die bürgerlichen Parteien konnten die neue Regierung mit Premierminister Chirac bilden. Teile der Mittelschichten, die 1981 noch die Linke unterstützt hatten, wandten sich enttäuscht von SP und KPF ab. Der Nationalen Front von Le Pen gelang es, von der Unzufriedenheit mit der Politik der Linken zu profitieren; sie schaffte den Sprung ins Parlament.

Die Wahlbeteiligung war für damalige Verhältnisse niedrig, viele WählerInnen von SP und KPF blieben einfach zu Hause, so dass der Block der bürgerlichen Parteien eine (wenn auch hauchdünne) Mehrheit erreichen konnte.

Reformen ohne Revolution?

Die Erfahrung der Linksregierung in Frankreich zeigt: Mit einem Programm und einer Politik, welches wirklich die Arbeitslosigkeit bekämpft, den Sozialabbau stoppt und den Lebensstandard erhöht, kann die Linke Beschäftigte, Arbeitslose, Jugendliche und RentnerInnen für sich begeistern. Wenn sie getragen von dieser Begeisterung an die Regierung kommt, ist es entscheidend für die Zukunft einer linken Partei und ihrer Ziele, ihr Programm auch umzusetzen. Das heißt vor allem auch, vor der zu erwartenden Sabotage und Boykottmaßnahmen der Unternehmer nicht zu kapitulieren. Wenn diese zum Beispiel bei der Verabschiedung eines Gesetzes zur Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich damit drohen, ins Ausland zu gehen, muss im Gegenzug mit Enteignung und Überführung der Unternehmen in Gemeineigentum reagiert werden. Dazu müssen diejenigen mobilisiert werden, in deren Interesse die soziale Politik gemacht werden soll, um die Unternehmer zu stoppen. Von Anfang an sind Massenproteste, Großdemonstrationen und Arbeitsniederlegungen erforderlich, um gegen die Herrschaft des Kapitals gerichtete Schritte zu unterstützen.

Darüber hinaus gilt es, auf allen Ebenen die Beteiligung der arbeitenden Bevölkerung in die Entscheidungsprozesse zu fördern, um die Erfahrungen, die Kreativität und das Engagement der ArbeiterInnen und Jugendlichen, das im Kapitalismus brach liegt, nutzen zu können. Mit der Bildung von Komitees in Betrieben, Schulen, Unis oder Stadtteilen würde auch die Basis für eine alternative Gesellschaftsordnung geschaffen werden.

Es wäre ein Illusion zu glauben, dass die Konzernchefs eine Politik, die den Lebensstandard der Mehrheit der Bevölkerung anhebt, einfach so akzeptiert. Denn jede kleine Verbesserung, seien es Lohnerhöhungen für Beschäftigte oder Steuererhöhungen für die Reichen – um beispielsweise das Bildungssystem zu verbessern –, bedroht die Profite der Unternehmer.

Angesichts der grundlegenden Krise, in der die kapitalistische Wirtschaft international steckt, können und werden die Bosse Profiteinbußen erst Recht nicht hinnehmen. Sie werden mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen kämpfen.

Um ein soziales Reformprogramm trotzdem durchzusetzen, müssen den Kapitalisten die Mittel aus der Hand genommen werden, die es ihnen ermöglichen, dieses Programm zu sabotieren. Das heißt, sie müssen von den Schaltstellen der wirtschaftlichen Macht entfernt werden. Die eigentliche Frage ist: Wem gehören die Betriebe, wer kontrolliert sie und wer entscheidet, was produziert und wo investiert wird? Für eine Politik im Interesse der Beschäftigten, Arbeitslosen, der Jugendlichen und RentnerInnen, das heißt der Mehrheit der Bevölkerung, dürfen diese Entscheidungen nicht länger in der Hand von Kapitalisten liegen.

Die Massenbewegung in diesem Frühjahr in Frankreich hat bewiesen, dass auch heute Verschlechterungen wie das CPE-Gesetz, das den Kündigungsschutz für unter 26-Jährige de facto aushebeln sollte, abgewehrt werden können. Allerdings waren dazu nicht nur wochenlange Proteste, sondern auch zwei Streiktage mit bis zu drei Millionen Beteiligten nötig. Mächtige Streikmaßnahmen können ohne Frage auch heute wirkliche Reformen im Interesse der arbeitenden Bevölkerung ermöglichen. Allerdings werden diese Entscheidungen sofort von den Herrschenden angegriffen werden. Im Kapitalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist keine Reform gesichert. Aus diesem Grund gilt es, den Kampf für Reformen mit einer antikapitalistischen, sozialistischen Perspektive zu verbinden. Letztendlich ist eine revolutionäre Massenbewegung nötig, die den Kapitalismus überwindet.

Konfrontation mit der Staatsmacht

Heute sind es 500 Großkonzerne, deren Umsatz laut dem konservativen Blatt Fortune ein Drittel des globalen Sozialproduktes entspricht. Es gilt also nicht, jedes kleine Unternehmen in Gemeineigentum überführen zu müssen – entscheidend ist, die Vergesellschaftung der größten Banken und Konzerne zu erreichen. Allerdings darf dabei nicht stehen geblieben werden. Der Staat ist keineswegs neutral. Verstaatlichungsmaßnahmen, wie sie unter Mitterrand eingeleitet wurden, stoßen nicht nur auf den Widerstand „der Wirtschaft“. Mittels ihrer ökonomischen Macht beherrschen die Unternehmer auch Justiz, Polizei und Militär – und nutzen diese Einrichtungen, um die bestehenden Eigentumsverhältnisse zu verteidigen. Zudem können sie auch die Lehrpläne in Schulen und Universitäten bestimmen, sie können die Medien, Zeitungen, Rundfunk oder Fernsehsender maßgeblich beeinflussen – um sicherzustellen, dass „die herrschende Meinung die Meinung der Herrschenden“ bleibt (wie Karl Marx es einst bezeichnete).

Um die kapitalistische Herrschaft zu überwinden, ist eine revolutionäre Veränderung nötig: die Produktionsmittel müssen in Gemeineigentum überführt und demokratische Verwaltungsorgane an Stelle des bürgerlichen Staatsapparates aufgebaut werden. Die Geschichte der Arbeiterbewegung zeigt, dass dies möglich ist, wenn die Macht der Arbeiterklasse zu einem bestimmten Zeitpunkt entschlossen eingesetzt wird.

Alle paar Jahre ein Kreuz zu machen, kann nicht der Gipfelpunkt der Demokratie sein. Das Parlament hat nur begrenzten Einfluss auf Regierungen, die staatlichen Organe können unter kapitalistischen Verhältnissen kaum kontrolliert werden. Die eigentlichen Entscheidungen fallen in den Chefetagen. Die Alternative dazu ist die Schaffung von demokratischen Gremien auf allen Ebenen, damit die schöpferische Energie aller zum Zug kommen kann. Geboten ist eine jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit von Funktionären, Rechenschaftspflicht und ein durchschnittlicher Facharbeiterlohn für alle FunktionsträgerInnen.

Die Sozialistische und die Kommunistische Partei Frankreichs vertraten vor 25 Jahren ein in Worten sozialistisches Programm, ohne ernsthaft das Ziel des Sozialismus als grundlegend andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verfolgt zu haben. Das konnte nicht funktionieren. Die einzige Alternative zur Misere des Kapitalismus war und ist der Sozialismus. Damit ist natürlich nicht die Diktatur einer privilegierten Kaste wie in der DDR und in der Sowjetunion gemeint, sondern eine durch und durch demokratische Gesellschaft auf der Basis von der Vergesellschaftung der Großunternehmen und einer im Interesse von Mensch und Natur geplanten Wirtschaft.

Was haben SozialistInnen eigentlich in einer bürgerlichen Regierung verloren?

Rosa Luxemburg und der Fall Millerand

Über Fluch oder Segen von Regierungsbeteiligungen stritt die Linke sich auch schon vor mehr als hundert Jahren in der II. Internationale. Anlass war der Eintritt des französischen Sozialisten Millerand in die bürgerliche Regierung unter Waldeck-Rousseau am 22. Juni 1899. Millerand wurde in dessen Kabinett von 1899 bis 1902 Handelsminister. Die Befürworter dieser Regierungsbeteiligung, allen voran der Franzose Jaurés, feierten den Einzug ins Kabinett als historischen Erfolg der sozialistischen Bewegung – der neben umfassenden Sozialreformen auch die Einleitung einer Übergangsphase zwischen Kapitalismus und Sozialismus bedeute, in der Bourgeoisie und Proletariat gemeinsam die Herrschaft ausüben würden.

Auf dem Internationalen Sozialistenkongress vom September 1900 in Paris wurde eine von Karl Kautsky ausgearbeitete Resolution verabschiedet, in der Millerands Verhalten nicht prinzipiell abgelehnt wurde. Nach dieser Resolution sollte die Beteiligung von SozialistInnen an einer bürgerlichen Regierung von Fall zu Fall entschieden werden.

Rosa Luxemburg argumentierte demgegenüber, es sei zwar richtig, „dass die Sozialdemokratie, um praktisch zu wirken, alle erreichbaren Positionen im gegenwärtigen Staate einnehmen, überall vordringen muss. Allein als Voraussetzung gilt dabei, dass es Positionen sind, auf denen man den Klassenkampf, den Kampf mit der Bourgeoisie und ihrem Staate führen kann.“

Reformen sind ein Produkt des Klassenkampfes

Zwar ist es sicher möglich, einzelne Forderungen der Sozialdemokratie auch in der Regierung durchzusetzen (wobei es einen qualitativen Unterschied macht, ob ein einzelner Sozialist wie im Falle von Millerand einer bürgerlichen Regierung angehört). Allerdings „ist die Sozialreform in allen kapitalistischen Ländern nur ein Produkt des hartnäckigen und beharrlichen Kampfes zwischen der Arbeiterschaft und den herrschenden Klassen. Nur insofern es aus politischen Rücksichten, zur Befriedigung der durch die sozialistische Partei angestachelten Arbeiterschaft absolut notwendig ist, werden Konzessionen gemacht. Die Anwesenheit eines Sozialisten in der Regierung ändert an dieser Sachlage nicht das Geringste.“

Sozialreform oder Revolution

Jean Jaurés, der damals führende französische Sozialist, verteidigte Millerand vehement und verfolgte das Ziel, die Sozialdemokratie von der Notwendigkeit der revolutionären Veränderung abzubringen. Ähnlich wie Jaurés verkündete damals Eduard Bernstein, Theoretiker der SPD: „Der Weg ist mir alles. Das Ziel ist mir nichts.“ Rosa Luxemburg hatte 1899 als Antwort darauf ihre Schrift „Sozialreform oder Revolution“ verfasst. Dort führt sie aus, dass mit der Beschränkung auf Reformen und Regierungsbeteiligungen kein Übergang zum Sozialismus gelingen kann. Luxemburg sah keinen Widerspruch zwischen Reform und Revolution. Für sie stand beides vielmehr in einem unzertrennlichen Zusammenhang, weil „der Kampf um die Sozialreform das Mittel, die soziale Umwälzung aber der Zweck ist.“

Rosa Luxemburg hielt an der Theorie von Karl Marx fest, wonach die Staatsorgane Herrschaftsinstrumente sind, die von der Arbeiterklasse nicht einfach übernommen werden können: „Die moderne Staatsgewalt ist ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisieklasse verwaltet“, so Marx.

Realpolitik Millerands

Statt eine Übergangsphase zwischen Kapitalismus und Sozialismus einzuleiten, legte die Regierung Waldeck-Rousseau nach den ersten kleinen Reformversuchen Millerands zunächst eine Pause ein, um schließlich ganz zu reaktionären Maßnahmen überzugehen. Mit der Drohung der Radikalen (also dem liberalen Flügel des Bürgertums), die Koalition platzen zu lassen und das Regierungsfeld den Reaktionären (dem konservativen Flügel des Bürgertums) zu überlassen, wurden die SozialistInnen in den uns so wohl bekannten Teufelskreis des „kleineren Übels“ gezerrt. Im Hinterkopf steckte bei ihnen die Angst, den Platz an der Macht zu verlieren. Indem sich der Sozialist Millerand an der bürgerlichen Regierung beteiligte, wurde aus der sozialistischen Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit ihre Verlängerung für Kinder durch die Regierung, aus der Forderung der Sicherung des Koalitionsrechts der Arbeiter dessen faktische Erdrosselung – und die ganze Ära der so genannten Sozialreformen endete mit der grausamen Niedermetzelung streikender Arbeiter (Rosa Luxemburg führte in ihrer Kritik an Millerand das brutale Vorgehen gegen Streikende in Chalon und auf der Insel Martinique an).

Um nicht die Niederlage ihrer Politik eingestehen und damit das Experiment beenden zu müssen, verkauften Millerand und die rechte, opportunistische Strömung der Sozialdemokratie jede einzelne vermurkste Reform als große Heldentat und entscheidenden Fortschritt auf dem Weg zum Sozialismus. von Antje Zander, Berlin 
Letzte Aktualisierung ( 18.01.2007 )
 
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